Die Geschichte der Königsberger Bernsteinwerkstätten umspannt rund 380 Jahre. Sie beginnt 1563 mit der Anstellung Stentzel Schmitts als ersten Hofbernsteindreher unter Herzog Albrecht von Preußen, ein einzelner Mann, ein einzelnes Hofkleid pro Jahr, eine Drehbank, direkter Zugriff auf die größten Stücke der samländischen Förderung. Sie endet 1945 im Untergang der Stadt unter britischen Luftangriffen und der Belagerung durch die Rote Armee. Dazwischen liegen die Hofkunst der Renaissance, die zünftische Organisation ab 1641, das diplomatische Geschenkwesen Brandenburg-Preußens, der Verlagerungswettlauf mit Danzig, die Industrialisierungsphase unter Stantien & Becker und schließlich die Staatliche Bernstein-Manufaktur als letzter institutioneller Akt am Ursprungsort.

Dieser Text rekonstruiert diese Linie auf der Basis zweier Quellen, die sich nicht aufeinander stützen, sondern einander ergänzen und kontrollieren. Alfred Rohde hat 1941 in Das Buch vom Bernstein die deutsche Werkstatt-Tradition chronologisch festgehalten, mit allen Datierungen, Meisterlisten, Originalzitaten aus Aurifaber, Hartmann und der Zunft-Eingabe 1742. Rachel King hat 2024 im British Museum die archivalische Tiefenforschung wieder aufgenommen und in den Königsberger Kirchenbüchern die Sozialgeographie der Werkstätten freigelegt. Die Pelka-Text liefert die europäische Vorgeschichte und die Brügge-Lübeck-Danzig-Zunftreihe vor 1641.

Zur Heise-Schnipperling-Attributionsdebatte ist eine Vorbemerkung nötig. Die Königsberger Werkstattzuschreibungen zwischen 1640 und 1670 hängen seit Pelka 1920 und Rohde 1937 an wenigen signierten Stücken, drei datierte Heise-Werke 1654/1659/1663, ein signierter Schreiber-Kasten 1616, ein signierter Kohn-Pokal um 1635. Alles andere ist Stilanalogie. King 2024 hat diese schmale Basis befragt und für die Schlüsselfigur Lorenz Schnipperling, kurfürstlicher Bernsteindreher, Werkstatt auf der Fuurbergerstraße in Tragheim, persönlicher Taufpate Friedrich Wilhelm für seine Tochter Anna Elisabetha 1650, eine plausible, aber bisher unattributierte Werklinie freigelegt. Dieser Text hält die Debatte offen. Sie führt nicht zu einer Umzuschreibung, sondern dokumentiert beide Positionen.

Wir bewerten ausschließlich baltischen Bernstein (Succinit). Dominikanischer, burmesischer, mexikanischer oder Sumatra-Bernstein gehört nicht in dieses historische Bild, die Königsberger Werkstätten haben ausschließlich samländisches Material verarbeitet. Marcel Querl arbeitet seit 2012 mit baltischem Bernstein, berät und vermittelt deutschlandweit per Foto-Service.