Eine Werkstatt auf der Fuurbergerstrasse
Wer das Königsberg der Jahrhundertmitte rekonstruieren will, kommt an einer Adresse nicht vorbei: Tragheim, Fuurbergerstrasse. Dort, außerhalb der drei ummauerten Städte Altstadt, Löbenicht und Kneiphof, hatte Lorenz Schnipperling seine Werkstatt. Die Stadtgeographie ist hier mehr als Kulisse. Schreiber arbeitete in Münchehofe, Jakob Heise wird wenig später nach Haberberg in die Trinitatis-Pfarrei ziehen, und Schnipperling sitzt zwischen beiden, näher am Schloss als seine Kollegen.
Rachel King hat 2024 in den Königsberger Kirchenbüchern, soweit sie über Berlin und polnische Archive erreichbar sind, die Einträge zu Schnipperling zusammengetragen. Das Ergebnis ist die erste belastbare Biographie eines Bernsteindrehers dieser Generation, die sich nicht auf Rohdes Bildtitel von 1941 stützen muss. Rohde hatte Schnipperling lediglich in der Gründungsliste der Zunft 1641 geführt, einmal genannt, dann verschwunden. King zeigt, dass diese Einzeilen-Notiz ein dichtes biographisches Netz verschleiert hat.
Der Titel: Electoral Amber Turner
In den erhaltenen Kirchenbucheinträgen zu Schnipperling steht eine Titulatur, die nicht nebensächlich ist: „Electoral Amber Turner“, in der lateinischen oder deutschen Variante des jeweiligen Schreibers, kurfürstlicher Bernsteindreher. Das ist eine Hofstellung. Sie reicht zurück zu Stentzel Schmitt, den Herzog Albrecht 1563 als ersten Hofbernsteindreher mit achtbarem Gehalt und jährlichem Hofkleid angestellt hatte. Knapp ein Jahrhundert später trägt Schnipperling denselben Titel unter dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm.
Die Konsequenz ist nicht trivial. Ein zünftiger Meister produzierte für den Markt, für Patrizier, für die Hansestädte, für gelegentliche Bestellungen. Ein kurfürstlicher Bernsteindreher arbeitete primär für den Hof, für Diplomatengeschenke, für Repräsentation, für die eigene Familie. Das Rohmaterial kam ohnehin über das Jaski-Monopol aus herzoglicher beziehungsweise kurfürstlicher Hand. Wer als Hofdreher arbeitete, hatte Zugriff auf große, klare, fehlerfreie Stücke, die ein freier Zunftmeister sich kaum hätte leisten können.
Fünf Kinder, fünf Patenlisten
Das eigentliche Material, mit dem King operiert, sind nicht Werksignaturen, es gibt keine, sondern Patenlisten. Fünf Kinder Schnipperlings sind nachweisbar: Johannes 1641, Daniel 1643, Euphrosine 1645, Anna Elisabetha 1650, Michael 1653. Bei jeder Taufe trägt der Pfarrer die Paten ein, und über zwölf Jahre hinweg ergibt das ein Soziogramm.
Daniel 1643. Paten sind Georg Schreiber selbst, der Senior der Bernsteindreher, signiert seit 1616, der Hofmaler Mathias Czwiczek, der Arzt Tobias Dettloff und die Frau des Bernsteindrehers Melcher Lemke. Das ist die engere Werkstattgemeinde plus zwei Hofbeamte. Czwiczek ist hier die Schlüsselfigur, dazu gleich mehr.
Euphrosine 1645. Unter den Paten steht die Frau von Jochem Vogt, einem der sechs zünftigen Meister, die 1643 in der Königsberger Bernsteindreher-Zunft eingetragen waren. Lemke und Vogt erscheinen wechselweise: Vogts Frau Anna war 1643 Patin von Schnipperlings Daniel, Lemkes Frau dort ebenfalls. Solche Doppelpatenschaften sind das Gewebe eines Handwerksviertels.
Anna Elisabetha 1650. Hier wechselt die Tonart. Erster Pate: „Friedrich Wilhelm, Markgraf zu Brandenburg, Herzog in Preußen“, der Große Kurfürst persönlich. Dazu der Sekretär der kurfürstlichen Kammer, der kurfürstliche Kammerdiener, die Frauen von Kammerherr und Vogt, wieder Arzt Dettloff. Ein Bernsteindreher, dessen Tochter den Landesherrn als Taufpaten hat, ist kein durchschnittlicher Werkstattbesitzer. Die Eintragung von 1650 ist der archivalische Beleg dafür, dass die Titulatur „Electoral Amber Turner“ kein Höflichkeitsetikett war, sondern eine reale Hofbindung mit persönlichem Zugang.
Michael 1653. Die letzte überlieferte Taufe weitet das Netz noch einmal. Pate ist ein Kaufmann, dann der kurfürstliche Mundschenk, der Bernsteindreher „Franz Trager“, wahrscheinlich identisch mit dem von King andernorts als Franz Treter geführten Kollegen, der zünftige Meister Jochem Vogt und die Frau des Hofapothekers. Hofdiener, Hofmediziner, Hofkollegen aus der Zunft. Schnipperlings Welt umfasste in zwölf Jahren Taufen einen Querschnitt der Königsberger Schlossverwaltung.
Czwiczek und die Heirat von 1646
Mathias Czwiczek, Pate von 1643, ist der Schlüssel zur attributiven These, die King vorsichtig entwickelt. Czwiczek war Hofmaler in Königsberg, und 1646 fiel ihm ein Auftrag zu, der in der brandenburgisch-preußischen Dynastiegeschichte Gewicht hatte: die offiziellen Bildnisse zur Heirat Friedrich Wilhelms mit Louise Henriette von Oranien. Die Verbindung mit dem Haus Oranien war ein politisches Signal, und die Porträtpaare wurden in mehreren Varianten ausgeführt, gemalt, gestochen, verschenkt.
Im Bestand der Hessen Kassel Heritage liegen zwei Bernstein-Statuetten, inventarisiert KP B VI/I.20 und I.21, datiert auf circa 1650–1660: ein kurfürstliches Paar, frei stehend, in Bernstein geschnitten. King hat die ikonographische Quelle bestimmt. Die Statuetten folgen einem Czwiczek-Doppelporträt von etwa 1649. Wer immer sie geschnitten hat, hat eine Vorlage Czwiczeks benutzt.
Und dort schließt sich der biographische Kreis. Der Hofmaler, der die Vorlage liefert, ist Taufpate beim Sohn des kurfürstlichen Bernsteindrehers. Der Bernsteindreher hat 1650 den Kurfürsten persönlich als Paten seiner Tochter. Innerhalb der heute belegten Werkstattbiographien hat keiner der Königsberger Meister der 1650er-Jahre eine vergleichbar dichte Hofbindung. Schreiber, der Senior, war zu dieser Zeit jenseits der sechzig; letzte nachweisbare Zahlung 1648.
Das Kernparadox
King formuliert das Resultat ihrer Recherche in einem Satz, der die Forschungslage zur Königsberger Bernsteinkunst der Jahrhundertmitte verschiebt. Schnipperlings Nähe zum Kurfürsten und zum Hofmaler mache ihn, neben Schreiber, zum plausiblen Schöpfer vieler erstklassiger Bernsteinarbeiten dieser Zeit. „Yet not a single surviving or lost artefact has ever been attributed to him.“ Kein erhaltenes Werk, kein verschollenes Werk, keine Quelle, kein Auktionskatalog, keine ältere Zuschreibungstradition nennt Lorenz Schnipperling.
Darin liegt die Pointe. Die archivalische Indizienkette ist dicht. Die Werkliste ist leer. In der älteren Literatur wandert Schnipperling als Zeilenname durch die Gründungslisten der Zunft, und alles, was an erstklassiger Bernsteinarbeit der Zeit als Königsberger Hofprodukt identifizierbar ist, wurde seit dem 19. Jahrhundert zwei anderen Namen zugeschlagen: Georg Schreiber für die ältere Schicht, Jakob Heise für die jüngere. Die mittlere Schicht, die zwischen Schreibers Spätwerk und Heises ersten signierten Stücken von 1654 liegt, ist ein zuschreibungsfreier Raum, und in genau diesen Raum fällt Schnipperlings dokumentierte Hofkarriere.
Warum nichts überliefert ist
Die Frage, warum keinem Werk Schnipperlings je sein Name angeheftet wurde, lässt sich nicht aus der Quellenlage beantworten, aber sie lässt sich umkreisen. Zünftige Werke trugen häufig Signaturen, weil sie für den Markt bestimmt waren und der Meister sich auswies. Schreiber etwa signierte 1616 mit der selbstbewussten Inschrift „Georg Schreiber, Prussian citizen and inhabitant of Königsberg of the Prussians made this in 1616“. Hofwerke trugen Signaturen seltener. Sie waren Auftragsarbeiten, sie gingen als Diplomatengeschenke fort, sie wurden in fürstlichen Kunstkammern inventarisiert, oft ohne Werkstattangabe. Die Kassel-Statuetten sind ein typischer Fall: dokumentiert sind Sujet und Datierung, der Hersteller läuft im Inventarjargon als „Königsberger Arbeit“.
Dazu kommt eine Asymmetrie der Überlieferung. Schreiber hat ab 1616 mit Patrizier-Inschrift signiert, die seine Person und Stadt feierte. Heise hat ab 1654 datierte Stücke hinterlassen, die in fürstlichen Sammlungen verblieben, Dresden, Britisches Museum. Schnipperling, dessen Werke vermutlich direkt aus dem Schloss in andere Höfe gingen, hatte keinen Anlass, sich zu signieren, und keinen Sammler, der sein Werk geschlossen verwahrt hätte. Diplomatengeschenke der 1640er- und 1650er-Jahre nach Wien, Moskau, Florenz sind in den Quellen belegt, aber kaum je mit Werkstattangabe.
Die Konsequenz für die Forschung
King zieht aus dieser Quellenlage keine Attribution. Sie formuliert vorsichtig, dass die Kassel-Statuetten plausibel auf Schnipperling zurückgehen könnten, und sie öffnet damit eine Tür, die die ältere Königsberger Forschung von Rohde bis Pelka geschlossen hatte. Schnipperling wandert aus der einzeiligen Gründungsmeister-Liste in eine Position, in der über die Zuschreibung von Hauptwerken neu nachgedacht werden muss. Pelka schildert die Zunftgründung 1641 als Etappe der Königsberger Handwerksgeschichte und nennt Schnipperling beiläufig; Rohde verfährt 1941 nicht anders. Erst Kings Auswertung der Kirchenbücher gibt dem Namen biographische Tiefe.
Für die Geschichte der Königsberger Bernsteinkunst vor 1700 hat das Folgen über den Einzelfall hinaus. Wenn die mittlere Generation, Schreibers Spätzeit, Schnipperlings Hauptzeit, Heises Frühzeit, biographisch durchmessen werden kann, lässt sich der Übergang von der reinen Drechseltechnik der Schmitt-Klingenberger-Generation zu den reliefdekorierten und montierten Gefäßen Schreibers und Heises genauer datieren. Die Patentaufen der 1640er- und 1650er-Jahre zeigen, dass die Werkstätten dicht verflochten waren, Lemke, Vogt, Treter, Damcke, Kohn, Schnipperling, Schreiber tauchen wechselweise in den Listen auf. Das ist kein Atelierbetrieb, das ist ein Quartier.
Eine Lehre für die Zuschreibungspraxis
Die Existenz Schnipperlings als Hofmeister ohne überlieferte Werke ist auch ein methodischer Befund. Die Zuschreibung historischer Bernsteinarbeiten an namentlich überlieferte Königsberger Meister stützt sich seit Rohde 1941 auf eine schmale Basis: signierte Stücke Schreibers und Heises, Kohns Pokal in den Schwedischen Königlichen Sammlungen mit der Inschrift „IOHAN. KOHN. FECIT. REGIOMONTI“, dazu Stilanalogie. Was nicht in diese Reihe passt und keine Signatur trägt, läuft unter „Königsberger Arbeit, Mitte 17. Jahrhundert“. King hat mit der Schnipperling-Biographie gezeigt, dass dieser Sammelbegriff einen konkreten Meister verdecken könnte, und dass die Personenforschung in Kirchenbüchern Befunde zutage fördert, die in der älteren Literatur nicht angelegt waren.
Das nächste Kapitel führt zu Jakob Heise, der Figur, der die hochrangigen Bernsteinarbeiten der Jahrhundertmitte traditionell zugeschrieben werden, und um deren Werkliste sich heute, im Licht der Schnipperling-Befunde, die heikelste Zuschreibungsdebatte der Königsberger Bernsteinforschung dreht. Wer die Kassel-Statuetten geschnitten hat, wer den Rothschild-Waddesdon-Tankard im Britischen Museum gefertigt hat, wer hinter den nicht signierten Hofgeschenken der 1650er-Jahre steht, das ist nach 2024 eine offene Frage. Schreiber, Schnipperling, Heise: drei Namen, eine Werkgruppe, kein Konsens.