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Eine deutsch-baltische Tradition

Bernstein-Geschichte — von der Bernsteinstraße nach Königsberg.

Dreitausend Jahre Handel, Hof-Kunst und Manufaktur — verdichtet auf eine schmale Landzunge an der Ostsee. Wer baltischen Bernstein versteht, versteht ein Stück deutsch-baltischer Kulturgeschichte: von römischen Schiffshändlern über das Bernsteinregal des Deutschen Ordens bis zur Staatlichen Bernstein-Manufaktur Ostpreußen.

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Bernstein ist kein junger Werkstoff. Schon vor der römischen Kaiserzeit reisten Stücke der Ostsee bis ins Mittelmeer — getauscht gegen Bronze, später gegen Glas, Wein und Silber. Was die baltische Linie dieser Geschichte einzigartig macht, ist die ungebrochene Kette von Tradition: von der antiken Bernsteinstraße über den Deutschen Orden, die Königsberger Bernsteinmeister, das Bernsteinzimmer der preußischen und russischen Höfe bis hin zur Staatlichen Bernstein-Manufaktur Ostpreußen, die zwischen 1926 und 1945 den Welt-Markt prägte.

Wichtig vorab: Diese Darstellung folgt ausschließlich der Geschichte des baltischen Bernsteins (Succinit). Dominikanischer, burmesischer oder mexikanischer Bernstein hat eigene Handels- und Kulturlinien, die hier nicht behandelt werden. Für Marcel Querl, der seit 2012 ausschließlich mit baltischem Material arbeitet, ist die deutsch-baltische Tradition Maßstab und Schwerpunkt — historisch, fachlich und sammlerisch.

Im Folgenden chronologisch von der Antike bis in die Gegenwart, mit besonderem Gewicht auf den deutschen Manufaktur-Linien des 20. Jahrhunderts, deren Stücke heute den belastbarsten Sammler-Markt bilden.

01 · Antike

Die Bernsteinstraße — von der Ostsee ans Mittelmeer.

Schon bei Tacitus heißt baltischer Bernstein glaesum. Lange vor ihm aber liegen Stücke samländischen Materials in etruskischen Gräbern, in den Kammern Mykenes und an den Schiffsrouten phönizischer Händler.

Die archäologischen Belege reichen weit zurück: Schon im 2. Jahrtausend v. Chr. finden sich baltische Bernsteinperlen in mykenischen Schachtgräbern und auf Zypern. Phönizier, später Etrusker und schließlich die Römer organisierten den Handel systematisch — über Land entlang der Flüsse Weichsel, Oder und Elbe, später über die berühmte römische Bernsteinstraße, die das Samland mit der Donau und dem Adriaraum verband.

Knotenpunkte waren Carnuntum (im heutigen Niederösterreich, an der Donau-Limes-Linie) und Aquileia (am nördlichen Adria-Ufer). Aquileia entwickelte sich in der frühen Kaiserzeit zum europäischen Zentrum der Bernsteinverarbeitung — fabri sucinarii, Bernsteindrechsler und -schneider, sind dort namentlich überliefert. Plinius der Ältere berichtet im 1. Jahrhundert n. Chr. von einer eigens entsandten römischen Expedition unter Kaiser Nero, die mehrere tausend Pfund samländischen Materials in einem Zug nach Rom brachte.

In Pompeji und Herculaneum konservierte der Vesuv-Ausbruch 79 n. Chr. ganze Bernstein-Inventare: Spiel-Würfel, Amulette, Frauenschmuck, kleine Tierfiguren. Der größte Teil dieses Materials ist nachweislich baltisch — chemische Analysen der Bernsteinsäure-Werte machen das eindeutig. Bernstein war im römischen Reich Luxus mit klaren sozialen Codes: Lampen, Gefäße und vor allem Frauenschmuck. Augenscheinlich nicht für den Mann.

Mit dem Niedergang Westroms im 5. Jahrhundert bricht der organisierte Fernhandel zusammen. Bernstein bleibt im Norden als Lokal-Material, im Süden verschwindet er weitgehend aus dem Alltagsbild — bis ihn der Deutsche Orden gut achthundert Jahre später wieder zum Staatsgut macht.

02 · Mittelalter

Bernsteinregal — das Monopol des Deutschen Ordens.

Mit der Eroberung Preußens durch den Deutschen Orden ab 1226 wird der Strand-Bernstein zum Hoheitsgut. Wer unbefugt sammelt, riskiert Leib und Leben.

Der Deutsche Orden erkennt früh, was die Antike schon wusste: Das Samland und die Kurische Nehrung sind die ergiebigste Bernsteinküste Europas. Bereits unter den ersten Hochmeistern wird das Bernsteinregal eingeführt — ein staatliches Monopol auf das Sammeln, Bearbeiten und Vertreiben des Materials. Im Strandalltag bedeutet das: Jedes vom Meer angeschwemmte Stück gehört dem Orden. Wer es unbefugt aufnimmt, macht sich strafbar.

Die Bernstein-Strafen sind hart. Über Jahrhunderte hinweg sind Auspeitschungen, Verstümmelungen und in besonders schweren Fällen Hinrichtungen am sogenannten Bernstein-Galgen dokumentiert. Bernstein-Reiter patrouillieren die Küste, Strand-Vögte kontrollieren die Fischer-Dörfer. Wer Bernstein meldet und abliefert, erhält ein festes Salzkontingent — wer ihn behält, riskiert sein Leben. Diese strikte Ordnung hält im Kern bis ins frühe 19. Jahrhundert.

Parallel etabliert sich in Königsberg, Stolp und Danzig eine spezialisierte Handwerkerschaft. Die Bernsteinmeister und Bernsteindreher sind zünftisch organisiert und unterstehen direkt dem Orden, später dem preußischen Staat. Aus dieser Phase stammen die ersten erhaltenen liturgischen Stücke — Rosenkränze, kleine Altäre, Reliquien-Behälter. Bernstein wird zum preußischen Gold, das den Orden über Jahrzehnte mitfinanziert.

Mit der Säkularisierung des Ordensstaats 1525 geht das Bernsteinregal an die preußischen Herzöge, später an die Hohenzollern über. Die Staats-Vermarktung wird strenger, die handwerkliche Tradition aber bleibt — und blüht im 17. Jahrhundert zu einer eigenen Hofkunst auf.

03 · 17.–19. Jahrhundert

Königsberger Bernsteinkunst der Höfe.

Im 17. Jahrhundert wird Königsberg zum europäischen Zentrum der Bernsteinkunst. Was hier entsteht, geht als Diplomatengeschenk nach Wien, Madrid und Florenz.

Die Königsberger Bernsteinwerkstätten erleben zwischen 1640 und 1750 ihre große Zeit. Aus rein liturgischer Andachtskunst wird höfische Hochkunst — Kabinette und Schreibgarnituren, Pokale und Spielsteine, Kruzifixe und kleine Altäre. Die Stücke werden für die preußischen Hohenzollern gefertigt und gehen als Diplomatengeschenke in die europäischen Kunstkammern — nach Wien, an die habsburgische Schatzkammer, nach Madrid an den spanischen Hof, nach Florenz, nach Dresden ins Grüne Gewölbe, nach Kopenhagen.

Die Namen der bedeutendsten Bernsteinmeister sind überliefert und werden bis heute in Werkkatalogen geführt. Stenzel Schmidt († 1626) gilt als einer der frühesten dokumentierten Hofkünstler. Christoph Maucher (tätig in Danzig, spätes 17. Jh.) wird für seine figürlichen Reliefs berühmt — Allegorien, mythologische Szenen, biblische Themen in feinster Schichtung von klarem und milchigem Bernstein. Lorenz Spengler arbeitet im 18. Jahrhundert am dänischen Hof. Heinrich Brachert, ein Vorfahre der späteren SBM-Designer-Linie, etabliert eine eigene Königsberger Schule.

Charakteristisch für die Königsberger Bernsteinkunst dieser Epoche ist der mehrkantige Königsberger Schliff — eine Oliven- oder Mandelform mit facettierten Längsseiten, die das Licht im Bernstein bricht und gleichzeitig die natürliche Tiefe der Farbe zur Geltung bringt. Diese Schliff-Technik bleibt bis ins 20. Jahrhundert das Markenzeichen der ostpreußischen Bernsteinverarbeitung und wird später, in der SBM-Phase, neu interpretiert und industrialisiert.

Besonderes Glanzstück: Bernstein-Schreibgarnituren mit Schichtung von Bein, Silber und Bernstein, dazu kleine Kabinetts-Möbel mit Bernstein-Furnier auf Holzkern. Solche Stücke sind heute fast ausschließlich in Museen erhalten — das Ostpreußische Landesmuseum Lüneburg, das Bernsteinmuseum Ribnitz-Damgarten und das Bernstein-Museum in Gdańsk zeigen Schlüsselwerke. Auf dem Markt tauchen sie quasi nie auf.

04 · 1701 – 1945

Das Bernsteinzimmer — die berühmteste verschollene Hofkunst.

Ein Raum aus Bernstein, gefertigt für Friedrich I., verschenkt an Peter den Großen, erweitert im Katharinenpalast — und seit 1945 verschollen. Mythos und Realität sind kaum noch zu trennen.

Die Geschichte des Bernsteinzimmers beginnt 1701: Der dänische Bildhauer Gottfried Wolfram, später die Danziger Meister Gottfried Turau und Ernst Schacht, fertigen für den preußischen König Friedrich I. eine Wand-Vertäfelung aus Bernstein-Tafeln und Mosaik-Einlagen. Ursprünglich vorgesehen für das Charlottenburger Schloss, dann ins Berliner Schloss verlegt — ein Raum, dessen Wände vollständig mit Bernstein verkleidet sind. Nichts Vergleichbares gibt es bis dahin in Europa.

Im Jahr 1716 verschenkt Friedrichs Sohn, der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., die Bernstein-Tafeln an den russischen Zaren Peter den Großen — ein diplomatisches Geschenk im Rahmen eines Bündnisses gegen Schweden. Die Tafeln werden zerlegt, in Kisten verpackt, nach Sankt Petersburg verschifft und dort zunächst eingelagert.

Erst Zarin Elisabeth lässt das Bernsteinzimmer in den 1740er-Jahren im Winterpalast aufstellen, später im Katharinenpalast in Zarskoje Selo (Puschkin). Der italienische Hofarchitekt Bartolomeo Rastrelli erweitert den Raum auf etwa 55 Quadratmeter Wandfläche — mit zusätzlichen Bernstein-Mosaiken, Spiegeln, geschnitzten Rahmen und florentinischen Pietra-Dura-Bildern. In dieser erweiterten Form bleibt das Bernsteinzimmer fast zwei Jahrhunderte als achtes Weltwunder bekannt.

Im Zweiten Weltkrieg, 1941, demontiert die Wehrmacht den Raum im besetzten Puschkin und transportiert ihn nach Königsberg. Dort wird er im Königsberger Schloss aufgebaut und der Öffentlichkeit gezeigt. Im April 1945, bei der sowjetischen Eroberung der Stadt, brennt das Schloss aus. Der weitere Verbleib der Bernstein-Tafeln ist seither ungeklärt: zerstört im Brand, verschollen in einem geheimen Lager, verschifft mit der „Wilhelm Gustloff" oder der „Karlsruhe", versteckt in den Sudeten — die Theorien sind zahlreich, keine ist bewiesen.

Zwischen 1979 und 2003 wird das Bernsteinzimmer in jahrzehntelanger Werkarbeit rekonstruiert. Die Eröffnung findet im Mai 2003 zum 300-jährigen Jubiläum Sankt Petersburgs statt — als deutsch-russisches Kooperationsprojekt, finanziell maßgeblich getragen von der Ruhrgas AG. Die Rekonstruktion gilt als historisch genau, das Original bleibt verschollen — und damit eines der größten ungelösten Kulturgut-Rätsel des 20. Jahrhunderts.

05 · 1926 – 1945

Staatliche Bernstein-Manufaktur Ostpreußen.

Die SBM in Königsberg ist die einzige geschlossene deutsche Bernstein-Manufaktur des 20. Jahrhunderts. Ihre Stücke vor 1945 bilden bis heute den belastbarsten Sammler-Markt für baltischen Bernstein.

Im Jahr 1926 wird in Königsberg die Staatliche Bernstein-Manufaktur Ostpreußen — kurz SBM — gegründet. Hintergrund ist die Verstaatlichung der bis dahin zersplitterten Bernstein-Industrie: Das samländische Material wird zentral gefördert, sortiert und veredelt. Die SBM bündelt Schliff, Schmuckherstellung, Verpackung und Vertrieb — und sie holt sich Designer aus der zeitgenössischen Kunst- und Werkbund-Szene ins Haus.

Die führenden Gestalter der SBM-Ära sind heute kunsthistorisch dokumentiert: Hermann Brachert (1890–1972), Bildhauer und Designer, prägt die figürliche und die abstrakt-flächige Linie der Manufaktur. Jan Holschuh entwickelt die strenge geometrische Schmuck-Sprache der späten 1920er und 1930er Jahre. Toni Koy arbeitet an Broschen, Anhängern und Trachtenketten. Die SBM versteht sich ausdrücklich als Manufaktur, nicht als Industrie — handgeschliffen, handgereiht, handgefasst.

Die Produktpalette ist breit: Olivenketten und Kugelketten in verschiedenen Längen, Broschen, Anhänger, Manschettenknöpfe, Schmuckdosen, Briefbeschwerer, kleine Skulpturen, dazu offizielle Ehrenpreise des Deutschen Reichs und Diplomatengeschenke. Charakteristisch für die SBM ist der eigene SBM-Schliff — die Königsberger Olivenform in industriellem, aber handwerklich präzisem Format, mit der typischen Längs- oder Mittelbohrung, oft mit minimaler Facettierung an den Polen. Wer SBM kennt, erkennt sie am Schliffbild auch ohne Marke.

Mit der Eroberung Ostpreußens durch die Rote Armee endet die SBM 1945. Die Manufaktur-Gebäude werden zerstört oder umgewidmet, das Werkzeug verschleppt, die Belegschaft vertrieben oder geflohen. Was an SBM-Material und SBM-Schmuck heute im Umlauf ist, stammt nahezu ausschließlich aus dem Privatbesitz vertriebener ostpreußischer Familien — und genau diese Linie macht die SBM-Stücke zur sammlerisch wertvollsten deutsch-baltischen Kategorie.

Auf dem Markt liegen SBM-Stücke heute typisch zwischen 5 und 30 €/g — abhängig von Farbe, Schliff und Provenienz. Die Spitze des Marktes belegt SBM weißmarmoriert: cremig-opakes Material mit dichter weißer Marmorierung, sehr selten, von asiatischen Spitzen-Sammlern besonders gesucht. Eine ostpreußische Familien-Provenienz, dokumentiert durch alte Foto-Aufnahmen oder Briefe, verdoppelt regelmäßig den Wert.

Erkennungsmerkmale antiker SBM: industriell-präzise Bohrung, hochwertige Reihen-Knoten zwischen den Oliven (oft Seide oder gewachster Faden, nie Kunststoff), originale Verschlüsse aus Silber oder Doublé mit dezenter Punzierung, gelblich-warmer Patina-Ton an den Knoten, und vor allem: der charakteristische Schliffschnitt am Pol-Ansatz, der bei modernen Imitaten so gut wie nie korrekt nachgemacht wird. Wer Zweifel hat, sollte das Stück fachmännisch prüfen lassen, bevor er verkauft.

06 · Fischland-Schmuck

Georg Kramer und die Fischland-Werkstatt.

An der mecklenburgischen Ostseeküste entsteht parallel zur SBM eine eigenständige Bernstein-Tradition — Silber, Volkskunst, regionale Tracht.

Die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst in Mecklenburg-Vorpommern ist seit Jahrhunderten Strandbernstein-Region. Zwischen den Weltkriegen, etwa ab 1920, entsteht hier eine eigene Schmuck-Werkstatt-Tradition — geprägt vom Goldschmied Georg Kramer und einer kleinen Gruppe lokaler Meister. Die Fischland-Schule verbindet baltischen Bernstein mit Silberfassungen in einer Formensprache, die deutlich von der Volkskunst und der regionalen Tracht inspiriert ist — schlichter, kräftiger und erdiger als die höfisch-glatte SBM-Ästhetik.

Typische Fischland-Stücke: Broschen mit großem Mittel-Cabochon, gefasst in handgetriebenem Silber mit geometrischen oder pflanzlichen Mustern. Anhänger an Silber-Ketten, Manschetten-Knöpfe, Trauringe mit kleinen Bernstein-Einlagen. Die Stücke sind in der Regel signiert oder zumindest punziert, was sie sammlerisch gut identifizierbar macht. Material: meist gelb-honigfarbener oder leicht halbmilchiger Strandbernstein der südlichen Ostsee, also nicht samländische, sondern mecklenburgische Provenienz.

Sammlerisch bilden die Fischland-Stücke heute die zweite große deutsch-baltische Sammler-Kategorie neben der SBM. Die Preise liegen niedriger als bei der SBM, aber die Auffindbarkeit ist ebenfalls begrenzt — die meisten Stücke ruhen in mecklenburgischen Familien-Beständen. Originalverschluss, Originalfassung und Punzierung entscheiden über den Wert. Marcel vermittelt einzelne Fischland-Sammler-Stücke seit Jahren persönlich; eine pauschale €/g-Bewertung wie bei der SBM gibt es hier nicht, sondern Stück-für-Stück-Einschätzung.

07 · Bückeburger Tradition

Bückeburger Trachtketten.

Im Schaumburg-Lippeschen werden bis ins 20. Jahrhundert hinein schwere, mehrreihige Bernstein-Hochzeitsketten getragen — Familienerbe und sozialer Status zugleich.

Das ehemalige Fürstentum Schaumburg-Lippe und das Bückeburger Land gehören zu den wenigen Regionen Westdeutschlands mit eigener Bernstein-Trachten-Tradition. Im Zentrum stehen die Bückeburger Hochzeits- und Trachtketten — schwere, mehrreihige Halsketten aus ostpreußischem Bernstein, oft mit fünf bis neun parallelen Strängen, abgeschlossen durch einen breiten Silber- oder Doublé-Verschluss mit regionalem Punzierungs-Muster.

Sozialgeschichtlich ist die Bedeutung dieser Ketten erheblich: Sie gehören zur traditionellen Hochzeits-Tracht, werden über Generationen vererbt und sind gleichzeitig Status-Symbol des bäuerlichen Wohlstands. Eine vollständige Bückeburger Trachtkette mit dokumentierter Familien-Provenienz ist heute sammlerisch hoch geschätzt — sie kombiniert ostpreußisches Material (über Handelswege vor 1945 nach Niedersachsen verbracht) mit westdeutscher regionaler Identität, was eine sehr eigene Doppel-Verortung ergibt.

Auf dem Markt sind Bückeburger Ketten vergleichsweise selten. Komplett erhaltene Stücke mit allen Strängen, Originalverschluss und nachweisbarer Provenienz erzielen Preise, die deutlich über der reinen Material-Bewertung liegen. Wo SBM-Material mit 5–30 €/g rechenbar bleibt, ist die Bückeburger Kette eher Stück-Preis-Logik: was zahlt ein Sammler für ein komplettes Familien-Erbstück mit Geschichte? Dokumentierte Provenienz ist hier der Wert-Multiplikator schlechthin.

Chronologie

Zeitleiste baltischer Bernstein.

Dreitausend Jahre Bernstein-Geschichte komprimiert auf eine Achse. Schwerpunkt: die deutsch-baltische Linie ab dem Hochmittelalter.

JahrhundertPeriodeWichtigste EreignisseZentren
2. Jt. v. Chr.BronzezeitBaltischer Bernstein in mykenischen Schachtgräbern, phönizischer FernhandelMykene, Zypern, Samland
1.–4. Jh.Römische KaiserzeitBernsteinstraße, Nero-Expedition, fabri sucinarii in Aquileia, Pompeji-FundeAquileia, Carnuntum, Rom
13.–16. Jh.Deutscher OrdenBernsteinregal, Strand-Vögte, erste liturgische StückeKönigsberg, Danzig
17.–18. Jh.Höfische HochkunstKönigsberger Schliff, Maucher, Spengler, DiplomatengeschenkeKönigsberg, Danzig, Berlin
1701–1716Bernsteinzimmer IWolfram/Turau für Friedrich I., Geschenk an Peter den GroßenBerlin, Sankt Petersburg
18.–20. Jh.Bernsteinzimmer IIErweiterung Katharinenpalast, Demontage 1941, Verschwinden 1945Zarskoje Selo, Königsberg
19. Jh.IndustrialisierungStantien & Becker pachten Samland-Förderung, mechanische BaggerPalmnicken, Königsberg
1926–1945SBM OstpreußenVerstaatlichung, Brachert/Holschuh/Koy, SBM-Schliff, Ende mit OstpreußenKönigsberg, Palmnicken
um 1920–1945Fischland-SchuleGeorg Kramer, Silber-Bernstein-Volkskunst, mecklenburgische TrachtFischland, Wustrow, Ahrenshoop
19.–20. Jh.Bückeburger TraditionMehrreihige Hochzeits-Trachtketten, ostpreuß. Material im Schaumburger LandBückeburg, Schaumburg-Lippe
1979–2003RekonstruktionWiederaufbau des Bernsteinzimmers, Eröffnung zum 300. Jubiläum St. PetersburgsZarskoje Selo
Kern-Erkenntnis

Die SBM-Stücke vor 1945 sind die einzige geschlossene Sammler-Kategorie mit lückenloser Provenienz-Tradition.

Wer baltischen Bernstein sammelt, kommt an der Staatlichen Bernstein-Manufaktur Ostpreußen nicht vorbei. Kein anderer deutsch-baltischer Werkkomplex ist so gut dokumentiert, so klar zeitlich eingegrenzt (1926–1945) und so eindeutig identifizierbar wie die SBM. Dazu kommen Fischland-Schmuck und Bückeburger Trachtketten — drei Linien, die zusammen den belastbaren deutschen Sammler-Markt für Bernstein bilden.

Wer eine SBM-Kette in die Hand nimmt, hält keinen Schmuck. Er hält ein Stück Ostpreußen, das den Krieg überlebt hat.
Marcel Querl · Bernsteinexperte

Quellen und weiterführende Literatur.

Die Darstellung dieser Seite stützt sich auf museale Sammlungen, kunsthistorische Standardwerke und Archiv-Quellen. Für eigene Recherche empfehlen wir folgende Ausgangspunkte:

  1. Deutsches Bernsteinmuseum Ribnitz-Damgarten — Standard-Sammlung zur deutsch-baltischen Bernstein-Geschichte, Schwerpunkt Fischland-Schule und SBM-Werkstoffkunde.
  2. Ostpreußisches Landesmuseum Lüneburg — Kernsammlung zur Königsberger Bernsteinkunst, SBM-Werkkatalog, Brachert-Nachlass-Teile, ostpreußische Trachten.
  3. Staatliche Eremitage Sankt Petersburg — Bernsteinzimmer-Forschung, Rekonstruktions-Dokumentation 1979–2003, Archive zur Geschenk-Diplomatie 1716.
  4. Bernstein-Museum Gdańsk (Muzeum Bursztynu) — Danziger Bernsteinkunst, Maucher-Werkkomplex, Handelsgeschichte der Hanse-Zeit.
  5. Marlies Hartmann, Bernstein – Tränen der Götter (Kulturgeschichtliche Gesamtdarstellung, Standardwerk im deutschen Sprachraum).
  6. Albrecht Hofmann, Bernstein – Schmuck und Kunst aus Ostpreußen (Werkkatalog mit Schwerpunkt SBM und Königsberger Schule).
  7. Werkkataloge der Staatlichen Bernstein-Manufaktur — Original-Verkaufskataloge der SBM zwischen 1928 und 1942, teils erhalten im Ostpreußischen Landesmuseum, teils in Privatsammlungen, dokumentieren Modelle, Preise und Designer-Zuschreibungen.
  8. Königsberger Stadtarchiv-Quellen (heute teils im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin-Dahlem) — Archiv-Material zur SBM-Gründung 1926, zum Bernsteinregal-Übergang und zum Bernsteinzimmer-Aufbau in Königsberg 1941–1944.

Wer in die Materie tiefer einsteigen will, sollte mit Ribnitz-Damgarten und Lüneburg beginnen — beide Häuser bieten Schau- und Studien-Sammlungen mit Original-SBM-Stücken, die im Markt praktisch nie zu sehen sind. Für die Bernsteinzimmer-Geschichte ist die Eremitage-Publikation zur Rekonstruktion 2003 bis heute die belastbarste Einzelquelle.

Verfasst von Marcel Querl

Bernsteinexperte seit 2012. Berater für Presse und Museen, passionierter Sammler ausschließlich baltischen Bernsteins mit Schwerpunkt SBM, Fischland und Bückeburger Trachtketten. Bekannt aus NDR-Nordstory, SPIEGEL TV, WELT, BILD und WirtschaftsWoche.

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