Im Jahr 1926 wird in Königsberg die Staatliche Bernstein-Manufaktur Ostpreußen — kurz SBM — gegründet. Hintergrund ist die Verstaatlichung der bis dahin zersplitterten Bernstein-Industrie: Das samländische Material wird zentral gefördert, sortiert und veredelt. Die SBM bündelt Schliff, Schmuckherstellung, Verpackung und Vertrieb — und sie holt sich Designer aus der zeitgenössischen Kunst- und Werkbund-Szene ins Haus.
Die führenden Gestalter der SBM-Ära sind heute kunsthistorisch dokumentiert: Hermann Brachert (1890–1972), Bildhauer und Designer, prägt die figürliche und die abstrakt-flächige Linie der Manufaktur. Jan Holschuh entwickelt die strenge geometrische Schmuck-Sprache der späten 1920er und 1930er Jahre. Toni Koy arbeitet an Broschen, Anhängern und Trachtenketten. Die SBM versteht sich ausdrücklich als Manufaktur, nicht als Industrie — handgeschliffen, handgereiht, handgefasst.
Die Produktpalette ist breit: Olivenketten und Kugelketten in verschiedenen Längen, Broschen, Anhänger, Manschettenknöpfe, Schmuckdosen, Briefbeschwerer, kleine Skulpturen, dazu offizielle Ehrenpreise des Deutschen Reichs und Diplomatengeschenke. Charakteristisch für die SBM ist der eigene SBM-Schliff — die Königsberger Olivenform in industriellem, aber handwerklich präzisem Format, mit der typischen Längs- oder Mittelbohrung, oft mit minimaler Facettierung an den Polen. Wer SBM kennt, erkennt sie am Schliffbild auch ohne Marke.
Mit der Eroberung Ostpreußens durch die Rote Armee endet die SBM 1945. Die Manufaktur-Gebäude werden zerstört oder umgewidmet, das Werkzeug verschleppt, die Belegschaft vertrieben oder geflohen. Was an SBM-Material und SBM-Schmuck heute im Umlauf ist, stammt nahezu ausschließlich aus dem Privatbesitz vertriebener ostpreußischer Familien — und genau diese Linie macht die SBM-Stücke zur sammlerisch wertvollsten deutsch-baltischen Kategorie.
Auf dem Markt liegen SBM-Stücke heute typisch zwischen 5 und 30 €/g — abhängig von Farbe, Schliff und Provenienz. Die Spitze des Marktes belegt SBM weißmarmoriert: cremig-opakes Material mit dichter weißer Marmorierung, sehr selten, von asiatischen Spitzen-Sammlern besonders gesucht. Eine ostpreußische Familien-Provenienz, dokumentiert durch alte Foto-Aufnahmen oder Briefe, verdoppelt regelmäßig den Wert.
Erkennungsmerkmale antiker SBM: industriell-präzise Bohrung, hochwertige Reihen-Knoten zwischen den Oliven (oft Seide oder gewachster Faden, nie Kunststoff), originale Verschlüsse aus Silber oder Doublé mit dezenter Punzierung, gelblich-warmer Patina-Ton an den Knoten, und vor allem: der charakteristische Schliffschnitt am Pol-Ansatz, der bei modernen Imitaten so gut wie nie korrekt nachgemacht wird. Wer Zweifel hat, sollte das Stück fachmännisch prüfen lassen, bevor er verkauft.