August 1944: Königsberg brennt
In der Nacht vom 26. auf den 27. August 1944 fliegt die Royal Air Force ihren ersten schweren Angriff auf Königsberg. Drei Tage später folgt der zweite, weit verheerendere. Die Altstadt brennt aus, der Dom verliert sein Dach, das Schloss steht in Flammen. Die Sattlergasse 6, Sitz der Staatlichen Bernstein-Manufaktur seit 1926, übersteht beide Wellen substantiell, weil das Eckhaus aus dem Stantien-&-Becker-Erbe von 1883 in massiver Neo-Renaissance-Bauart steht und an der Peripherie der zerstörten Innenstadtquartiere liegt. Das Gebäude wird die Front überdauern, bis 2009 als sowjetische Militärunterkunft dienen und 2011 dem Kaliningrader Bernsteinmuseum übergeben werden.
Was im August 1944 in der Sattlergasse lagert, ist eine Akkumulation aus achtzehn Jahren Werkstattbetrieb. Werkzeichen-Archive, Werkstattbücher, Halbzeuge, Werkstücke aus der Brachert-, Holschuh-, Koy-Produktion, die nicht in Repräsentationsorte oder Museumsbestände gegangen war. Dazu Rohbernstein-Vorräte aus Palmnicken, Pressanlagen, das firmeneigene Bernsteinmuseum im Erdgeschoss. Diese inneren Bestände sind nach den Augustangriffen formal noch da. Faktisch sind sie ab dem Moment, in dem die Stadt zur Festung erklärt wird, nicht mehr zu bewegen.
Die Werbesammlung: kein Plan, ein Zufall
Die Rettung der SBM-Werkstattgeschichte hat keinen Strategen. Sie hat einen Vertriebsapparat, der vor dem Krieg routinemäßig Werbeausstellungen in die internationalen Repräsentanzen schickte, Paris, London, Wien, Brüssel, New York und, als Tor zum Mittleren Osten, die Türkei. Mehr als 250 Stücke aus dem SBM-Werkkorpus, Broschen aus der Holschuh-Linie, Schalen und Plastiken aus der Brachert-Beratungsphase, Schmuckstücke aus der Kooperation mit Toni Koy, Pokale, Leuchter, Schreibtischgarnituren, standen seit den späten 1930er Jahren als Werbe- und Verkaufsausstellung in Ankara und Istanbul.
Die Sammlung war kein politisch motivierter Evakuierungsschritt. Sie war Routine eines Konzerns, der die Türkei als Absatzkanal bewarb. Als der Krieg begann, war die Rückführung organisatorisch nicht mehr leistbar. Als er sich verschärfte, war sie nicht mehr gewollt. Die Türkei blieb neutral bis Februar 1945, erklärte dann dem Deutschen Reich den Krieg, beteiligte sich aber an keinen Kampfhandlungen. Die SBM-Stücke standen in türkischen Räumen, die niemand antastete, weder Wehrmacht im Rückzug noch Rote Armee im Vormarsch, weder Trophäenkommissare noch Schwarzmarkt.
Es ist die einzige geschlossene SBM-Sammlung, die das Kriegsende intakt übersteht.
Was in Königsberg blieb
Die innerbetrieblichen Bestände der Sattlergasse 6 verlieren sich in überlagerten Phasen. Die Augustangriffe 1944 beschädigen Teile der Lager und Pressanlagen, ohne sie vollständig zu zerstören. In der Festungsphase Oktober 1944 bis April 1945 wird die Manufaktur teils auf Munitions- und Gewehrproduktion umgerüstet (siehe Königsberger Meister für die Werkstattlinie); Bernsteinmaschinen werden ausgelagert, wohin, ist nicht systematisch dokumentiert. Mit der Kapitulation am 9. April 1945 übernehmen sowjetische Trophäenkommissare das Gebäude.
Was an Werkzeichen-Archiven, Werkstattbüchern und unverkauften Werkstücken bis April 1945 noch in der Sattlergasse stand, wurde konfisziert, mitgenommen oder in den ersten Nachkriegsjahren als Kriegstrophäe abtransportiert. Spätere Restitutionsverhandlungen zwischen Deutschland und Russland haben punktuelle Rückgaben gebracht, aber keinen geschlossenen Bestand. Der innere Werkstattkorpus der SBM, die Produktion, die nicht repräsentativ war, sondern Alltag, ist als Sammlung verloren. Was übrig ist, sind Einzelstücke ohne Begleitdokumente, verstreut über private und öffentliche Hände.
Designer-Flucht
Die Menschen, die das Werk gemacht hatten, verließen Königsberg in der Reihenfolge, die ihre Biographien ihnen vorschrieben. Hermann Brachert war Anfang 1944 zur Küstenabwehr eingezogen worden, sein Werkvertrag mit der Preussag, der seit 1935 das Berufsverbot von 1933 faktisch ersetzt hatte, lief damit aus. Brachert floh über Pommern nach Westen, baute ab 1947 die Stuttgarter Kunstakademie wieder auf, wurde dort Professor und Rektor, erhielt 1961 das Bundesverdienstkreuz und starb 1972 in Schlaitdorf. Sein Sommerhaus in Georgenswalde, in dem er seit 1931 die Sommer verbracht und seit 1933 als Hauptwohnsitz genutzt hatte, ist heute das Hermann-Brachert-Museum Otradnoje, gegründet 1992/93.
Jan Holschuh, der künstlerische Leiter der SBM seit 1934, war 1944 oder spätestens Anfang 1945 nach Erbach im Odenwald zurückgekehrt, seine Heimatregion, das deutsche Elfenbeinerbe-Zentrum. Er führte dort die Werkstatt fort, reaktivierte in den 1980er Jahren das Bernsteinthema, schuf 1985 die Windsbraut, die heute im Deutschen Bernsteinmuseum Ribnitz-Damgarten steht, und starb 2000 in Michelstadt.
Toni Koy floh 1945 mit den letzten Trecks aus Ostpreußen und richtete sich Werkstatt und Wohnung in Annaberg-Buchholz im Erzgebirge ein. Ihre Werkstatt arbeitete dort von 1945 bis Mitte der 1980er Jahre. Sie starb 1990. Alfred Schlegge, 1923 in Königsberg geboren, hatte seine Gesellenprüfung 1941 an der SBM abgelegt und 1942 mit 19 Jahren über mehrere Wochen am Bernsteinzimmer im Königsberger Schloss nach dem Wasserschaden mitgearbeitet (siehe Bernsteinzimmer). Er floh 1945, baute sich später in Detmold eine eigene Werkstatt auf, schnitzte die Königsberger Madonna, über zwanzig Bernsteinschiffe und den Bernstein-Altar mit dem Letzten Abendmahl, und starb 2015 als einer der letzten lebenden SBM-Zeitzeugen.
Für Eduard Koy, Bruder von Toni, Goldschmied und Werkstattleiter in der SBM, gibt es online keine Spur nach 1945. Erichson und Tomczyk hatten 1998 möglicherweise Zugang zu Nachkriegsbiographien, die im veröffentlichten Stand nicht vollständig ausgewertet sind. Gleiches gilt für Hildegard Reichert. Auch zur Frage, was aus den Belegschaften der WHW-Spitzenjahre wurde, bis zu 2.600 zusätzliche, oft weibliche Heim- und Saisonarbeitskräfte, fehlt jede systematische Nachverfolgung. Die Frage, ob in den letzten Kriegsmonaten Zwangsarbeiter in der Sattlergasse beschäftigt waren, ist für eine Königsberger Großmanufaktur 1939–1945 strukturell zu erwarten, online und in der publizierten Erichson/Tomczyk-Linie aber nicht dokumentiert.
Die Rückführung: Preussag, TUI, Ribnitz
Die Türkei-Sammlung kehrt nicht in einem Akt zurück. Die Preussag, juristische Eigentümerin der SBM seit 1929 und nach 1945 weiterhin existent als westdeutscher Bergbau- und Hüttenkonzern, übernimmt in den Nachkriegsjahrzehnten schrittweise die Rückführung. Die Stücke gehen zunächst in den Firmenbesitz, dienen als Werbe- und Repräsentationssammlung, die Funktion, in der sie ursprünglich aufgebrochen waren. Mit der Umwandlung der Preussag zur TUI AG in den 1990er Jahren wandert die Sammlung in die Bestände des Tourismuskonzerns.
Die TUI gibt die Sammlung als Dauerleihgabe an das Deutsche Bernsteinmuseum Ribnitz-Damgarten. Dort bildet sie heute den Hauptbestand zur SBM-Werkstattgeschichte. Über 250 Stücke aus der Türkei-Rückführung sind in Ribnitz dokumentiert und teils permanent ausgestellt. Ohne diese Sammlung wäre die SBM als künstlerisches Phänomen kaum noch fassbar. Was in westdeutschen Museen, Privatsammlungen und auf dem Sammlermarkt heute als gesicherte SBM-Provenienz zirkuliert, geht ganz überwiegend auf die Türkei-Sammlung zurück, direkt aus Ribnitz, durch frühe TUI-Leihgaben an andere Häuser, oder durch Schenkungen aus dem Preussag-Umfeld.
Das Kaliningrader Bernsteinkombinat: kein Rechtsnachfolger
1947 nimmt im sowjetisierten Königsberg, jetzt Kaliningrad, das Bernsteinkombinat seine Arbeit auf. Es nutzt teilweise die Anlagen der SBM, die Förderbasis Palmnicken (jetzt Jantarny) und Teile der verbliebenen Maschinen. Es ist aber kein Rechtsnachfolger der SBM. Das Wikipedia-Lemma zur Manufaktur stellt das explizit fest. Rechtsnachfolger ist und bleibt die Preussag, später TUI. Das Kombinat ist eine sowjetische Neugründung an einem Standort, der zufällig der SBM-Standort gewesen war.
Diese Unterscheidung ist nicht juristische Pedanterie. Sie hat Folgen für den Sammlermarkt. Das Kaliningrader Kombinat produziert ab 1947 Bernsteinarbeiten, die oberflächlich SBM-ähnlich wirken können, sowjetische Designer arbeiten teilweise mit den Werkzeugen und in den Räumen der Vorgänger. Die Werkzeichen sind aber andere. Die Stilistik ist andere, sowjetisch-volkskundlich, später spätsowjetisch-repräsentativ. Wer ein Stück mit der bloßen Behauptung „Königsberg, alte Manufaktur“ angeboten bekommt, hat in vielen Fällen ein Kombinats-Stück der Nachkriegszeit vor sich, nicht ein SBM-Stück der Vorkriegszeit.
Provenienzlücke und Spekulationsware
Der Nachkriegsmarkt hat die SBM-Provenienz auf zwei Wegen verwässert. Ab den späten 1940er Jahren zirkulieren Stücke aus der Flucht, was Designer und Mitarbeiter mitgenommen hatten, was in Privathänden überlebt hatte, was aus Sortier- und Verarbeitungsanlagen vor der Kapitulation geborgen worden war. Diese Stücke sind oft echte SBM-Arbeiten, aber ohne Begleitdokumente und ohne klare Provenienzkette. Sie werden auf Erbschafts- und Auktionsmärkten weitergereicht, verlieren in jeder Station Kontext und gewinnen mit der Zeit Behauptungen, die nicht zu prüfen sind.
Daneben entstehen die typischen Verwechslungen mit Kaliningrader Kombinats-Produktion, mit ostpreußischer Flüchtlingsproduktion in Annaberg-Buchholz oder Erbach, und mit Werkstätten, die das SBM-Erbe stilistisch fortführten, ohne mit der Manufaktur jemals in Verbindung gestanden zu haben. Dem Sammlermarkt bleibt der Werkzeichen-Abgleich (siehe Königsberger Meister), die Stilanalyse im Vergleich mit gesicherten Museumsstücken, und die Provenienzkette so weit zurück, wie sie tragfähig ist, idealerweise bis zu einem dokumentierten Vorbesitzer mit SBM-Verbindung.
Dokumentationslage: ein halbes Jahrhundert Leere
Was über die SBM heute systematisch bekannt ist, steht in einem einzigen Buch: Erichson und Tomczyk haben 1998 die Monographie zur Staatlichen Bernstein-Manufaktur Königsberg 1926–1945 vorgelegt, herausgegeben über das Bernsteinmuseum Ribnitz-Damgarten als Begleitwerk zur damaligen Ausstellung. Davor existiert nur Pelka 1918/1920 als Vorgeschichte (siehe Pelka-Text) und Alfred Rohdes Das Buch vom Bernstein in der zweiten Auflage von 1941 als zeitgenössische, NS-belastete Bestandsaufnahme. Rohde war zu diesem Zeitpunkt Direktor der Kunstsammlungen Königsberg.
Zwischen 1945 und 1998, dreiundfünfzig Jahre, gibt es fast keine systematische Forschung zur SBM. Einzelne Museumskataloge, Aufsätze in ostpreußischen Sammelbänden, vereinzelte Lebenserinnerungen von Brachert, Holschuh und Schlegge, sowie die Tomczyk-Dissertation von 1990 als Vorarbeit zur 1998er Monographie. Das ist alles. Eine Großmanufaktur mit bis zu 1.500 Stammbeschäftigten, weltweiten Repräsentanzen und einem Grand Prix der Pariser Weltausstellung verschwindet aus der westdeutschen Erinnerung, weil ihr Standort hinter dem Eisernen Vorhang lag, ihr Werkkorpus zerstreut war, und ihre Geschichte mit NS-Funktionalisierung und nicht aufgearbeiteter Zwangsarbeit zu belastet war, um in den 1950er und 60er Jahren leicht erzählbar zu sein. Auch die Vorgeschichte aus den sechs konsolidierten Firmen von 1926, Gompelsohn & Co. in Danzig etwa, ist in ihren persönlichen Schicksalen nach 1933 nicht systematisch aufgearbeitet.
Die Türkei-Sammlung in Ribnitz ist der Grund, warum die SBM überhaupt noch erforschbar ist. Ohne sie wäre die Manufaktur, die zwischen 1926 und 1945 die größte Bernsteinverarbeiterin der Welt war, heute eine Geschichte ohne Material, Aktenfragmente, Erinnerungen, Werkzeichen-Tabellen, aber kaum Werke, die man in die Hand nehmen, vergleichen, datieren kann. Dass ein Vertriebszufall sie gerettet hat, ist die nüchternste Pointe dieser Manufakturgeschichte.