Schon im Sommer 1945 beginnt, was bis heute nicht aufgehört hat: die Suche. Alfred Rohde stirbt Ende 1945 in einem Königsberger Seuchenkrankenhaus, bevor ihn jemand ernsthaft befragen kann. Mit ihm verschwindet der letzte Augenzeuge der Königsberger Wiederaufstellung. Was bleibt, ist Asche im ausgebrannten Schloss, eine sowjetische Trophäenkommission, die nach geraubter Kunst sucht, und ein leerer Eckraum in Zarskoje Selo. Aus dieser Lücke wird Mythos.
„Russlands berühmteste Beutekunst“, „Nazi-Schatz“, „verschollenes Wunderwerk“, die Etiketten verfestigen sich in den fünfziger und sechziger Jahren. Mit ihnen wächst eine Sub-Kultur aus Forschern, Hobbydetektiven, Ex-Offizieren, Wahrsagern und Verlegern. Über acht Jahrzehnte produziert sie Hunderte von Thesen, Tausende von Grabungen und eine ganze Buchwand an Veröffentlichungen. Belege im engeren Sinn liefert sie nicht. Was sie liefert, ist eine Geschichte des Suchens selbst, von politischen Konjunkturen, biographischen Obsessionen und immer neuen Zeugenaussagen, die sich erst Jahrzehnte nach den Ereignissen melden.
Erich Koch: die Hauptverdachtsfigur
Im Zentrum aller Spuren steht ein Mann, der nie ausgesagt hat. Erich Koch, Gauleiter Ostpreußen von 1928 bis 1945, Reichskommissar Ukraine 1941 bis 1944, war auf seinem Territorium für Massenraub-Operationen verantwortlich. Er gilt als der Funktionär, der über die letzte Lagerung des Bernsteinzimmers im Frühjahr 1945 das meiste hätte wissen können, wenn es eine Auslagerung jenseits der Schlosskeller gab. Nach 1945 in Polen gefangen, 1959 zum Tode verurteilt, wurde die Strafe nie vollstreckt. Offizielle Begründung: „schlechter Gesundheitszustand“. Die wahrscheinlichere Lesart: Polen wartete auf Informationen. Sie kamen nie.
1967 schreibt Koch im Gefängnis Wartenburg/Barczewo vor einer Operation ein Testament mit Andeutungen zum Bernsteinzimmer. 1986 stirbt er mit 90 Jahren im polnischen Gefängnis, ohne präzisiert zu haben, was er angedeutet hatte. 2003 verkauft ein ehemaliger Wärter das Testament; das polnische Institut für Nationales Gedenken (IPN) erwirbt es vom Sammler. Der Text liefert keinen brauchbaren Hinweis. Er enthält Wortspiele, Andeutungen auf Orte und Personen, nichts, was eine Grabung rechtfertigt.
Koch ist die Figur, an der sich alle Spuren brechen. Er hat in seinem Schweigen entweder eine konkrete Information mitgenommen, oder nie eine gehabt. Beide Lesarten sind plausibel; entscheiden lässt sich zwischen ihnen nicht.
Paul Enke: die DDR-Linie
Geboren 1924, ab 1950 im Innenministerium der DDR, ab 1964 beim MfS als „Offizier im besonderen Einsatz“: Paul Enke ist der Apparatforscher der Spurensuche. Ab 1959 arbeitet er systematisch im Auftrag der DDR-Behörden. Über 150 Verstecke werden untersucht, Schwerpunkt Erzgebirge, Aue, Schlema, alte Bergwerksstollen. Ergebnis: Bernsteinzimmer-Report. Auf der Suche nach Russlands berühmtester Beutekunst, Verlag Die Wirtschaft, Berlin 1986.
Enkes Position trägt die Färbung des Auftraggebers. Hitler als persönlicher Auftraggeber des Raubes, eine NS-Eliten-Verschwörung im Hintergrund, die Spur zwingend Richtung Westen, das passt in das politische Raster der späten DDR. Materielle Funde liefert die Apparatarbeit nicht, wohl aber ein Archiv an Aktennotizen, Zeugenbefragungen und Aktenfragmenten, das die spätere westdeutsche Forschung weiter ausgewertet hat. 1987 stirbt Enke an Herzversagen. Die spätere Verschwörungsliteratur (Augustin-Tradition) markiert seinen Tod als verdächtig, weil im selben Jahr ein Westforscher folgt.
Georg Stein: die westdeutsche Parallele
Georg Stein war der westdeutsche Privatforscher der ersten Generation, ein Obstbauer aus Schleswig-Holstein, der sich seit den sechziger Jahren in das Thema einarbeitete, Archive in Polen, Westdeutschland und den USA durchsah und in Briefkontakt mit Politikern und Botschaften stand. Er hat sich lebenslang gesucht und dabei sich, seine Familie und seine Finanzen verbraucht. Am 20. August 1987 setzt er seinem Leben in geistiger Umnachtung selbst ein Ende. Die Parallelität, zwei Bernsteinzimmer-Forscher tot im selben Jahr, wird in der späteren Verschwörungstradition immer wieder als Hinweis bemüht. Belegt ist die Parallelität, der Zusammenhang nicht.
Günter Wermusch 1991: die Wustrow-Spur
Mit der Wende öffnen sich Archive und Stimmen. Die Bernsteinzimmer-Saga. Spuren, Hypothesen, Rätsel erscheint 1991 bei Ch. Links in Berlin, später bei Goldmann und Aufbau. Günter Wermusch, DDR-Wirtschaftshistoriker und freier Forscher, sortiert das vorhandene Material und legt eine eigene Spur dazu.
Sein Kronzeuge ist ein Wehrmacht-Bordmechaniker namens Günter Meyer, der angibt, Anfang 1945 Kisten zur Halbinsel Wustrow bei der Wismarer Bucht geflogen zu haben. „Nicht in Königsberg verbrannt“ wird zum Wermusch-Refrain. Die Wustrow-These ist eine der vielen alternativen Auslagerungsspuren. Sie ist in Teilen überprüfbar, Flugbewegungen, Personen, Standorte, und in dem entscheidenden Punkt nicht: ob in den Kisten tatsächlich das Bernsteinzimmer steckte. Wermusch selbst war vorsichtiger als seine Nachfolger; sein Buch liest sich eher als Forschungsbericht denn als Enthüllung.
Dietmar Reimann: die Adels-These
Dietmar B. Reimann (1947–2011), Ex-NVA-Pionieroffizier, später Privatdetektiv, dreht die ganze Erzählung um. Nicht Hitler habe das Bernsteinzimmer versteckt, sondern der deutsche Adel, das Umfeld um Wilhelm Canaris, Chef der Abwehr, 1944 hingerichtet. Ziel der Operation: die Finanzierung einer geplanten konstitutionellen Monarchie nach Kriegsende.
Reimann gräbt und bohrt von 1997 bis 2009 im Poppenwald bei Bad Schlema im Erzgebirge. 1999 trifft eine Bohrung auf einen Hohlraum, der mit Grundwasser vollläuft. Mehr nicht. Sein Buch Bernsteinzimmer-Komplott. Die Enttarnung eines Mythos erscheint 1997 bei Bock & Kübler, ein zweites Manuskript (Des Kaisers neue Krone) bleibt unveröffentlicht. 2011 stirbt Reimann, ohne das Zimmer gefunden zu haben.
Sein zentraler Zeuge: Erwin Keiluweit, angeblich baltischer Adliger „von Effenberg-Rasmussen“, Ex-Abwehroffizier im Regiment Kurfürst der Division Brandenburg. Keiluweit sagt aus, Anfang 1945 einen LKW-Konvoi mit Bernsteinzimmer von Königsberg bis Ilmenau/Schleusingen in Thüringen geführt und einem Major Köhler übergeben zu haben. Diese Aussage trägt die ganze Reimann-These, und ist gleichzeitig schwer überprüfbar. Sie kommt Jahrzehnte nach den Ereignissen, aus einer einzigen Quelle, ohne dokumentarische Stützen. Wer ihr folgt, folgt einem Zeugen. Wer ihr nicht folgt, hat nichts in der Hand.
Augustin 2016: die Tradition lebt weiter
Wilfried Augustin, EFODON e.V. (Europäische Forschungsgesellschaft Disziplinen-Übergreifender Naturkundlicher Wissenschaften), publiziert 2016 im SYNESIS-Magazin eine zweiteilige Artikelserie Geheimnis Bernsteinzimmer. Sie schreibt die Reimann-Tradition fort, baut die Adels-These weiter aus und macht die Solms-Laubach-Wildenfels-Verbindung zum zentralen Schlüssel. Der Bezug ist personell: Rittmeister Dr. Graf Ernstotto zu Solms-Laubach, Kunsthistoriker in Wehrmachts-Uniform, war 1941 mehrere Wochen an der Demontage in Zarskoje Selo beteiligt; Schloss Wildenfels gehört in dieselbe verwandtschaftliche Umgebung. Aus dieser Konstellation strickt die EFODON-Linie eine durchgehende Operation des Adels.
Der Stil ist an mehreren Stellen schwer verschwörungsnah; der Text referiert die These, ohne sie zu übernehmen. Die personelle Konstellation Solms-Laubach/Wildenfels ist real, die Schlussfolgerung darauf nicht zwingend. Aus einem Verwandtschaftsverhältnis wird kein Versteckplan.
Stade 2008 und Ulbrich 2011: Thüringen und Poppenwald
Martin Stade publiziert 2008 Vom Bernsteinzimmer in Thüringen (Escher Verlag) und führt die Spur über Bachra, das Jonastal und die Thomasmühle bei Schleusingen. Stade schließt direkt an die Keiluweit-Aussage an und reichert sie mit lokalen Zeugenstimmen und Archivfunden an. Mario Ulbrich legt 2011 Rätselhafter Poppenwald (Chemnitzerverlag) vor, eine Indiziensammlung, deren zentrales Stück ein Luftbild vom 10. April 1945 ist, das angeblich Auslagerungs-Aktivitäten zeigt. Auch hier: Indizien, keine Funde. Die Bohrungen, die in den nuller Jahren in beiden Regionen stattfanden, haben keinen Eintrag in die Inventarliste der Beweise geliefert.
Levy & Scott-Clark 2004: die andere Mainstream-These
Gegen die deutsche Forscher-Tradition steht eine britische Gegenrechnung. Catherine Scott-Clark und Adrian Levy, investigative Journalisten, veröffentlichen 2004 bei Atlantic in London The Amber Room. The Untold Story of the Greatest Hoax of the Twentieth Century (deutsche Ausgabe 2005). Ihre These dreht den ganzen Mythos: Das Bernsteinzimmer habe die britischen Luftangriffe vom August 1944 überstanden, und sei erst 1946 in Königsberg verbrannt, durch sowjetische Brandlegung in einem ausgebrannten Schloss-Trakt.
Schlüsselfigur der Vertuschung ist nach Levy/Scott-Clark Anatoli Kutschumow, sowjetischer Kunstschutzbeamter und im Nachkrieg an der Sichtung des Bestands in Königsberg beteiligt. Kutschumow habe das tatsächliche Schicksal des Zimmers verschleiert und stattdessen den Mythos „Nazi-Raub mit unbekanntem Versteck“ kultiviert, politisch nützlich im Kalten Krieg, weil er die Suche nach Westen lenkte und die sowjetische Mitverantwortung an der Vernichtung in Königsberg aus dem Blick nahm. Die Autoren stützen sich auf sowjetische Archive, KGB-Akten und Kutschumow-Notizen. Die Rekonstruktion ist umstritten, aber innerhalb der alternativen Thesen die bestbelegte. Sie verschiebt den Verlustzeitpunkt um eineinhalb Jahre, und macht aus einer NS-Beutekunst-Frage eine sowjetische Selbstvergewisserungs-Frage.
Mediale Begleiter: Zeit, Knopp, Karlsruhe-Wrack
Die populäre Medien-Suche begleitet die Forschung von Anfang an. Die Zeit Nr. 47/1984 publiziert mit „Großfahndung nach dem Bernsteinzimmer“ eine der frühen großen Bestandsaufnahmen, heute online archiviert. Guido Knopp legt 2003 mit Das Bernsteinzimmer. Dem Mythos auf der Spur die ZDF-übliche Zusammenfassung vor, eher referierend als forschend, eingefangen in der eigenen Bildregie. Hinzu kommen Reportage-Strecken im Spiegel, in Geo, in der FAZ, dazu polnische und russische Medien, die in unregelmäßigen Abständen neue Spuren melden.
2020 wird das Wrack der Karlsruhe in 88 Metern Tiefe im Ostseebecken untersucht, ein deutsches Schiff, das im April 1945 von Königsberg in Richtung Westen unterwegs war und durch sowjetische Flieger versenkt wurde. Im Wrack: Porzellan, Maschinenteile, Munition. Funde mit Bezug zum Bernsteinzimmer: keine. Eine weitere Spur, die ins Leere lief, und gleichzeitig medial gut funktionierte, weil sie das alte Schema „letzter Transport aus Königsberg“ mit Unterwasserkamera-Bildern bedienen konnte.
Was bleibt
Die Bilanz nach acht Jahrzehnten ist nüchtern. Über hundert Theorien. Hunderte ernsthafte und Tausende halbernste Grabungen. Zwei Forscher, die das Thema nicht überlebt haben (Stein 1987, indirekt Reimann 2011). Eine ganze Bibliothek von Büchern. Aber kein gesichertes Bernsteinzimmer-Material in nennenswertem Umfang. Die einzigen substantiellen Originalstücke, die seit 1945 aufgetaucht sind, das florentinische Mosaik des Tastsinns 1997 in Bremen und eine Schubladenkommode aus dem Bernsteinzimmer-Inventar, kamen über Privatpersonen, nicht über Grabungen.
Der Forschungsstand lässt sich heute in zwei Verbrennungs-Lesarten und eine Auslagerungs-Tradition sortieren. Die Mainstream-Mehrheit hält die Verbrennung für gesichert, strittig ist nur das Datum: August 1944 (Wikipedia-Standard, ältere Forschung) oder 1946 (Levy/Scott-Clark, Kutschumow-These). Die Auslagerungs-Tradition arbeitet weiter an den klassischen Verdachtsorten, Poppenwald, Thüringen, Wustrow, das Salzbergwerk Bernterode. Die wissenschaftliche Skepsis gegen diese Tradition stützt sich auf das stärkste Argument, das es in dieser Sache gibt: in acht Jahrzehnten kein einziger substantieller Fund aus den vermuteten Verstecken.
Personell laufen die Spuren bei einer kleinen Gruppe zusammen, die sich aus den drei Authority-Linien dieser Site speist. Bei den NS-Demontage-Offizieren mit kunsthistorischem Zivilberuf, an der Demontage 1941 mehrere Wochen lang beteiligt. Bei Alfred Rohde, Direktor der Kunstsammlungen der Stadt Königsberg, der die Wiederaufstellung im Königsberger Schloss leitete. Und bei den ostpreußischen Werkstätten, in deren Tradition die Staatliche Bernstein-Manufaktur steht, ein Lehrling von dort, der 19-jährige Alfred Schlegge, arbeitete 1942 an den Königsberger Restaurierungen mit. Wer die Geschichte des Bernsteinzimmers ernst nimmt, muss die Bernsteinkunst vor 1926 und die Königsberger Meister mitlesen, sonst bleibt die Spurensuche körperlos.
Was tatsächlich gefunden worden ist, lässt sich an einer Hand abzählen. Zwei Originalfragmente sind in den späten neunziger Jahren in Deutschland aufgetaucht. Sie schreiben die Schlussbilanz dieser achtzig Jahre, und sind das Thema der nächsten Sektion.