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Anstecknadeln & Trägerplatten

Bernstein-Broschen.
Vom Jugendstil bis zur SBM.

Solitär, Cluster, figürlich, geometrisch — die Brosche ist nach der Olivenkette die zweitwichtigste Sammler-Kategorie des deutsch-baltischen Bernsteinschmucks. Eine Typologie über Trägerplatten, Punzen, Designer-Handschriften und reale Marktpreise.

Eine Bernstein-Brosche ist im Wortsinn ein Stück Schmuck mit rückseitiger Nadel-Trägerplatte, das sich an Kleidung, Revers, Schal oder Hut anstecken lässt. So banal die technische Definition klingt — der Unterschied zur Kette oder zum Ring ist substanziell. Die Brosche ist über Jahrhunderte hinweg der bevorzugte Ort des repräsentativen Bernsteinschmucks gewesen: hier wird Material gezeigt, hier dominiert das Design, hier hat sich von Jugendstil bis Art Déco die ganze stilistische Bandbreite der ostpreußischen und norddeutschen Werkstätten manifestiert.

Wer eine alte Bernstein-Brosche aus einem Nachlass auf den Tisch legt, hält in der Regel ein Stück mit klar lesbarer Werkstatt-Geschichte in den Händen. Trägerplatte, Nadel-Mechanik, Punzen, Schliff-Charakter und Fassungs-Detail erzählen — gemeinsam mit dem Bernstein-Material selbst — eine zusammenhängende Geschichte. Diese Lesbarkeit ist es, die Broschen zu einer der spannendsten Sammler-Kategorien macht: keine andere Schmuck-Gattung verrät auf so engem Raum so viel über Werkstatt, Epoche und Designer-Handschrift.

Wichtig vorab — was wir bewerten: Diese Typologie und alle Preis-Angaben gelten ausschließlich für Broschen mit baltischem Bernstein-Material (Succinit). Dominikanischer oder burmesischer Bernstein, Phenolharz-Imitate älterer Bauart und reine Modeschmuck-Broschen ohne Bernstein-Anteil fallen außerhalb unseres Bewertungsrahmens. Marcel Querl berät, vermittelt und sammelt seit 2012 — er ist kein klassischer Händler, übernimmt keine Reparaturen, kein Versand, keine Auszahlung. Schmuck-Reparaturen und Ankäufe ohne Bernstein-Anteil sind beim Schwesterbetrieb Kronjuwelier Essen Bredeney besser aufgehoben.

Formate — die vier Grundtypen.

Innerhalb der Gattung „Bernstein-Brosche" lassen sich vier Grundtypen unterscheiden, die jeweils eine eigene Werkstatt-Tradition und eine eigene Preis-Logik haben. Die Übergänge sind fließend, aber im Sammler-Markt etabliert.

1 · Solitär-Broschen

Die klassische Bauform: ein einzelner großer Bernstein-Cabochon in einer schlichten oder dekorativen Fassung. Der Stein dominiert, das Metall hält und rahmt. Diese Form findet sich quer durch alle Epochen — vom Jugendstil-Solitär mit organisch geschwungener Silberfassung bis zur strengen Art-Déco-Lünette der 1930er. Sammler-relevant sind Größe (Cabochons über 20 mm Durchmesser werden selten) und Material-Qualität des einzelnen Steins.

2 · Cluster-Broschen

Mehrere Bernstein-Steine — Cabochons, Tafeln, gelegentlich kleine facettierte Stücke — werden zu einer geschlossenen Komposition zusammengefügt. Häufig in florealer Anordnung (Blütenkomposition mit Bernstein-Blüten) oder als geometrisches Cluster. Cluster-Broschen verlangen werkstatt-handwerklich deutlich mehr Aufwand als Solitäre und sind deshalb seltener — die SBM hat sie nur in begrenzten Serien gefertigt.

3 · Figürliche Broschen

Tier- und Pflanzen-Motive sind die häufigste Figur-Form: Eule (mit Bernstein-Bauch oder Bernstein-Augen), Fisch, Schmetterling (Flügel aus Bernstein-Tafeln), Käfer, Vögel. Daneben Buchstaben-Broschen (Initialen mit Bernstein-Akzent) und florale Motive — Tulpe, Rose, Vergissmeinnicht. Figürliche Broschen waren in der DDR-Tradition Ribnitz besonders verbreitet und gehören dort zur typischen Volkskunst-Produktion der VEB-Werkstätten.

4 · Geometrische Broschen

Reine Form-Studien — Kreise, Rechtecke, gestaffelte Quadrate, dreieckige Kompositionen. Das Hauptfeld der Art-Déco- und Bauhaus-Tradition. Hier dient der Bernstein nicht als figürliches Hauptmotiv, sondern als Farb- und Materialakzent in einer streng geometrischen Silber- oder Goldkomposition. Die SBM hat in den 1930ern unter Hermann Brachert und Jan Holschuh exakt in diesem Feld ihre stärksten Designs produziert.

Die Fassungs-Tradition.

Das Fassungs-Metall einer Bernstein-Brosche ist mehr als ein technisches Detail — es verrät Epoche, Werkstatt und meistens auch den ursprünglichen Preisrahmen, in dem das Stück gefertigt wurde. Vier Materialklassen sind zu unterscheiden.

Silber 800 / 925

Das mit Abstand häufigste Fassungs-Material für hochwertige Bernstein-Broschen. 800er Silber war im deutschen Raum bis in die 1930er der Werkstatt-Standard (auch in der frühen SBM-Produktion), 925er Sterlingsilber wurde ab den 1930er Jahren zunehmend Standard und ist heute die Norm. Die Punze (800 oder 925, oft mit Halbmond-und-Krone-Stempel des Deutschen Reichs bzw. später Bundesrepublik) gibt einen verlässlichen Datierungs-Hinweis. Antike SBM-Stücke tragen häufig die 835er- oder 925er-Punze plus Manufaktur-Zeichen.

Gold 333 / 585

Selten und meist hochwertig antik. Goldgefasste Bernstein-Broschen waren Repräsentationsstücke, häufig Sonderanfertigungen privater Goldschmiede, gelegentlich Geschenk- oder Trauungs-Stücke. 333er Gold (8 Karat) findet sich eher in der gehobenen Manufakturware, 585er Gold (14 Karat) in privater Goldschmiede-Tradition. Die Kombination Gold-Bernstein ist farblich heikel — guter Bernstein und gutes Gold müssen materiell und farblich aufeinander abgestimmt sein, weshalb hochwertige Goldfassungen häufig mit besonders ausgewählten Cabochons kombiniert wurden.

Tombak und Messing

Tombak (Kupfer-Zink-Legierung mit hohem Kupferanteil) und Messing sind die typischen Materialien der Volkskunst-Brosche und der Tracht-Produktion. Sie tragen keine Edelmetall-Punze, sind häufig vergoldet oder versilbert und gehören in den Bereich der dekorativen Schmuckware. Für den Sammler-Markt sind sie nachrangig — Ausnahmen bilden frühe Jugendstil-Stücke aus Tombak, die als Stil-Dokumente gehandelt werden.

Wie der Bernstein eingesetzt wird

Drei Befestigungs-Techniken sind im Bernstein-Broschen-Handwerk dokumentiert. Gefasst — der klassische Lünetten-Fassungs-Ring umschließt den Cabochon und hält ihn ohne Klebstoff in Position; dies ist die werkstatt-handwerklich anspruchsvollste und zugleich werthaltigste Lösung. Eingeklebt mit Pech oder schellack-basiertem Kleber — die typische antike Lösung bis ca. 1930, später durch moderne Klebstoffe ersetzt. Pech-Klebungen sind reversibel und für den antiken Erhalt vorteilhaft. Schraub-Befestigung — modernere Lösung, vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts üblich; ein durchbohrter Bernstein wird auf einem Gewindestift verschraubt.

Stilepochen — vom Jugendstil bis Polen-Modern.

Jugendstil (1890–1910)

Die erste klar identifizierbare Designer-Epoche im Bernstein-Broschen-Bau. Charakter: fließende Linien, organische Formen, Pflanzen- und Tier-Motive in geschwungener Silberfassung. Häufig florale Kompositionen — Mohn, Distel, Schwertlilie — mit zentralem Bernstein-Cabochon oder Bernstein-Tafel als „Blüte". Die Silberfassung wird hier zum eigenständigen Kunstwerk; der Bernstein dient als Farb- und Materialakzent in einer ornamentalen Komposition. Werkstätten: Pforzheim, Berlin, Wien (Wiener Werkstätte), München (Münchner Schule). Punze fast immer 800er oder 935er Silber. Echte Jugendstil-Bernstein-Broschen sind heute am Markt selten und bewegen sich preislich deutlich oberhalb der Standardware.

Art-Déco (1920–1940)

Die geometrische Gegenbewegung zum floralen Jugendstil. Strenge Symmetrie, klare Linien, gestaffelte Schultern, geometrische Lünette. Der Bernstein als großer Cabochon oder als rechteckige Tafel im Zentrum einer mathematisch konstruierten Silberfassung. Häufig in Kombination mit Markasit, Onyx oder Bergkristall. Werkstätten: Pforzheim, Berlin, Theodor Fahrner (mit Kontakt zur Bernstein-Manufaktur), die frühe SBM-Produktion gehört bereits in diesen Stilkontext.

SBM Königsberg (1926–1945)

Die Staatliche Bernstein-Manufaktur Ostpreußen ist im Brosche-Bereich das Schlüssel-Phänomen der deutsch-baltischen Schmuck-Geschichte. Strenge Formgebung, präzise Schliffe, durchgängig hohe Qualität bei Material und Fassung. Designer-Handschriften: Hermann Brachert (Bildhauer und künstlerischer Berater) und Jan Holschuh. Die typische SBM-Brosche zeigt einen halbmilchigen oder cremig-opaken Bernstein-Cabochon in einer 835er- oder 925er-Silberfassung mit Art-Déco-Geometrie. Punzen: Manufaktur-Zeichen (SBM oder stilisiertes Logo), Silber-Stempel, gelegentlich Designer-Signatur. Dokumentierte Brachert-Broschen erreichen am Markt vierstellige Beträge.

DDR-Tradition (1949–1990)

Mit der Auflösung der SBM nach 1945 wanderte die Bernstein-Verarbeitung in der DDR vor allem an die Ostsee — nach Ribnitz-Damgarten, wo die VEB-Werkstätten die Bernstein-Tradition fortführten. Daneben spielte die Bahnhofsfreigabe-Produktion (Schmuck für den Intershop- und Devisen-Verkauf) eine Rolle. Die DDR-Brosche ist häufig gefälliger, massenproduzierter und stilistisch weniger eigenständig als die SBM-Ware — Cabochon-Standardform, schlichte Silberfassung, häufige Wiederholungs-Motive. Trotzdem gibt es im DDR-Ribnitz-Bestand auch hochwertige Einzelstücke und Designer-Editionen, die sammler-relevant sind.

Polen Nachkriegs / Modern

Polen ist nach 1945 zum Zentrum der internationalen Bernstein-Verarbeitung geworden — mit Werkstätten in Gdańsk (Danzig) und Umgebung. Die Bandbreite reicht von absoluter Massenware (touristische Konsum-Broschen) bis zu international anerkannter Designer-Kunst. Wichtige Designer-Namen: Anna Maria Wesołowska (skulpturale Silber-Bernstein-Broschen mit eigenständiger Formensprache) und Wojtek Sobczyk. Designer-Broschen aus dieser Schule sind in Sammler-Galerien und auf internationalen Schmuck-Messen gehandelt; Massenware aus den Touristen-Werkstätten ist davon klar zu unterscheiden.

Trägerplatte und Nadel — die antiken Marker.

Die Rückseite einer Bernstein-Brosche ist im Sammler-Bereich häufig informativer als die Vorderseite. Hier sitzt die Trägerplatte mit Nadel-Mechanik, hier sind die Punzen gestempelt, hier verrät sich Werkstatt-Tradition und Datierung. Wer ein Stück bewerten lässt, sollte deshalb immer auch ein Foto der Rückseite mitschicken — die Vorderseite allein erlaubt selten eine zuverlässige Einordnung.

Trägerplatten-Form

Die Form der Trägerplatte (rund, oval, rechteckig, geformt nach Brosche-Umriss) gibt häufig Epoche-Hinweise. Runde und ovale Trägerplatten sind die typische Jugendstil- und Art-Déco-Lösung. Rechteckige Platten finden sich vor allem an SBM-Stücken der 1930er. Konturgenaue Trägerplatten, die exakt dem Vorder-Umriss folgen, sind Kennzeichen aufwendiger Werkstatt-Arbeit (häufig SBM- oder Fahrner-Niveau). Trägerplatten mit Loch-Ausstanzungen sind ein Massenfertigungs-Indiz späterer DDR- oder Polen-Produktion.

Nadel-Mechanik

Die Nadel-Mechanik ist der zuverlässigste Datierungs-Anhaltspunkt. Trommel-Mechanismus (eine kleine Walze, in die die Nadel-Spitze einrastet) ist die antike Standard-Lösung bis ca. 1900–1910 und ein klares Hinweiszeichen auf Jugendstil- oder älteres Material. Federn (geschraubte Sicherungs-Feder mit Druck-Mechanismus) sind die typische Art-Déco- und SBM-Lösung der 1920er–1940er. Schraubverschluss (Sicherungs-Haken zum Eindrehen) ist eher modern, vor allem in der Nachkriegs- und DDR-Produktion verbreitet. Eine moderne Nadel-Mechanik an einer angeblich antiken Brosche ist ein deutliches Warnzeichen — entweder Reparatur (Wert-Reduktion) oder Komposition aus Alt-Vorderseite mit neuer Rückseite.

Punze und Stempelung

Die Punzen auf der Trägerplatte geben den verlässlichsten Hinweis auf Material und Werkstatt. Silber-Punze: 800, 835, 925 — plus oft Halbmond-und-Krone-Stempel (Deutsches Reich ab 1888, in der Bundesrepublik fortgeführt). Gold-Punze: 333, 585 — entsprechend 8 oder 14 Karat. Manufaktur-Punze: SBM-Königsberg ist hochbegehrt und erkennbar an stilisierten Buchstabenzeichen oder Symbol-Stempeln. Auch Theodor Fahrner (Pforzheim, Art-Déco-Werkstatt) ist häufig mit Werkstatt-Punze gestempelt. Punzen sind allerdings auch ein Fälschungs-Risiko — sie können nachträglich gestempelt werden, was bei Sammler-relevanten Verdachts-Stücken im Detail-Foto erkennbar ist (Stempel-Tiefe, Material-Verformung um den Stempel herum).

Material-Klassen — der Bernstein in der Brosche.

Welches Bernstein-Material in einer Brosche eingesetzt wird, ist eine zweite, vom Fassungs-Metall unabhängige Bewertungs-Ebene. Die deutsch-baltische Werkstatt-Tradition kennt vier Haupt-Klassen.

Cognac- und Honig-Cabochons

Der transparent-honigfarbene Cabochon ist die häufigste Standard-Form — Massenmarkt-Material, auch in besseren Werkstatt-Stücken oft eingesetzt. Material-Qualität reicht von klarem Cognac-Honig bis zu leichten Trübungen. Standard-Wertbereich; Spitzenstücke (sehr klar, große Tafel) gehen darüber hinaus.

Milchig-weiß und „royal white"

Das antike Hochwertigkeits-Material schlechthin. Cremig-opake, weißmarmorierte oder gleichmäßig milchige Cabochons waren das bevorzugte Material der SBM- und der gehobenen Jugendstil-Werkstätten. Heute international stark gefragt — die asiatische Sammler-Nachfrage nach milchig-opakem baltischem Bernstein zieht die Preise für diese Klasse seit Jahren nach oben.

Inklusen-Broschen

Bernstein-Broschen mit sichtbarer Insekten- oder Pflanzen-Inkluse im Cabochon sind eine eigene, sehr kleine Spezial-Klasse — vor allem von Inklusen-Sammlern nachgefragt. Hier kann der wissenschaftliche Wert des Cabochons den reinen Schmuckwert übersteigen, was die Bewertung eines solchen Stücks von der reinen Schmuck-Logik entkoppelt.

Spitzenstücke — große Cabochons

Cabochons über 20 mm Durchmesser sind selten — entsprechend großes, rissfreies Bernstein-Rohmaterial gibt der Baltikum-Markt nur in begrenzten Mengen her. Eine Brosche mit zentralem Cabochon von 25 mm aufwärts ist im Sammler-Markt deutlich gesucht; in Kombination mit antiker Provenienz und intakter Fassung sind solche Stücke werkstatt-historische Belegstücke.

Marktbewertung

Brosche-Preise nach Kategorie.

Stück-Preise für Bernstein-Broschen mit baltischem Material. Die Spannen reflektieren reale Marktbeobachtung — von Auktions-Vergleich über spezialisierte Sammler-Galerien bis zu Nachlass-Bewertungen. Die jeweilige Spitze setzt Provenienz, Designer-Zuordnung und Erhalt voraus.

Brosche-KategorieMaterial / FassungEpoche / SchulePreis-RangeWert-Treiber
Polnische Massenware modernCabochon Standard, 925 SilberPolen Nachkriegs30–150 €Material-Qualität
DDR-Brosche RibnitzCabochon, 835/925 SilberVEB-Werkstätten 1949–199050–300 €Werkstatt-Zuordnung
Jugendstil-BroscheTombak / Bronze / Silber 8001890–1910150–800 €Stil-Authentizität, Werkstatt
Art-Déco-StückSilber 925, geometrische Fassung1920–1940200–1.200 €Designer-Punze, Erhaltung
SBM Königsberg mit PunzeHalbmilchig/weißmarmoriert, 835/9251926–1945400–3.000 €Manufaktur-Punze, Brachert/Holschuh
Designer Polen modernSterling 925, skulpturale FassungWesołowska / Sobczyk u. a.300–1.500 €Designer-Signatur, Edition
Inklusen-BroscheTransparent, Insekt sichtbarfrei / wissenschaftlich200–1.500 €+Inkluse-Qualität und Sichtbarkeit
Cluster-Brosche aufwendigMehrere Cabochons, SilberSBM / Werkstatt300–1.800 €Komposition, Material-Aufwand

Bewertungs-Kriterien — die fünf Achsen.

Eine Bernstein-Brosche realistisch einzuordnen bedeutet, fünf Kriterien parallel zu prüfen. Sie wirken gemeinsam — eine Top-Punze rettet keine zerbrochene Trägerplatte, ein perfekter Cabochon rettet keinen fehlenden Designer-Stempel. In der Praxis ist es das Zusammenspiel aller fünf Faktoren, das den finalen Preis bestimmt.

1 · Material-Qualität — Bernstein und Fassung

Bernstein-seitig: Klarheit, Farbe, Größe, Rissigkeit des Cabochons. Fassungs-seitig: Edelmetall-Qualität (800 vs. 925 vs. Gold), handwerkliche Sauberkeit, Lünettung intakt. Beide Material-Ebenen wirken multiplikativ — ein erstklassiger Cabochon in einer wertigen Silberfassung erreicht deutlich mehr als die Summe beider Komponenten.

2 · Provenienz und Punze

Die Punze ist der direkte Provenienz-Beleg. SBM-Punze, Brachert-Signatur, Fahrner-Stempel — diese Marken verschieben die Bewertung um Faktor 3 bis 10 nach oben. Ohne Punze bleibt die Provenienz auf Stil-Analyse angewiesen, was zwar möglich, aber unsicherer ist und sich entsprechend in einer vorsichtigeren Bewertung niederschlägt.

3 · Erhaltungszustand

Nadel funktionsfähig, Trägerplatte ohne Bruch, Bernstein-Klebung intakt (keine sichtbaren Klebespuren), Cabochon-Oberfläche ohne tiefe Kratzer. Eine moderne Reparatur (neue Nadel, gewechselter Mechanismus) ist nicht automatisch wert-zerstörend, muss aber dokumentiert in die Bewertung einfließen.

4 · Designer und Manufaktur

Innerhalb der grossen Schulen sind dokumentierte Designer-Zuordnungen der stärkste einzelne Preis-Multiplikator. Brachert-Entwürfe der SBM, Fahrner-Pforzheim Art-Déco-Stücke, Wesołowska-Designer-Editionen — alles Faktoren, die eine Brosche aus der Standard-Range herausheben. Werkkatalog-Recherche ist hier Standard.

5 · Seltenheit der Form

Cluster- und figürliche Broschen sind im SBM-Bestand seltener als Solitäre — entsprechend höher liegt der Preis-Aufschlag bei vergleichbarer Material- und Fassungs-Qualität. Bei DDR- und Polen-Modernware kehrt sich das tendenziell um: dort sind die seltenen Designer-Editionen wertvoller als die häufig produzierte Figur-Standardware.

Fallstricke

Wo der Markt Spuren verwischt.

Drei typische Manipulationen verschieben den Wert einer Bernstein-Brosche, sind aber bei sorgfältiger Prüfung erkennbar. Bernstein-Cabochon ausgetauscht — meist erkennbar an frischen Klebespuren in der Lünette, Material-Inkompatibilität zur Epoche oder einem Cabochon, der zu modern wirkt für die Fassung. Trägerplatte erneuert — erkennbar an Material-Diskrepanz zwischen Vorder- und Rückseite (verschiedene Silber-Punzen, Lötspuren am Übergang, unterschiedliche Patina). Punze nachträglich gestempelt — erkennbar an zu tiefer, zu sauberer oder material-verformender Prägung; echte antike Punzen zeigen leichten Werkstatt-Verschleiß und sitzen häufig leicht schief.

Pflege — eine kurze, strenge Regel.

Bernstein-Broschen sind im Pflege-Verhalten nicht wie normaler Silberschmuck zu behandeln. Die handelsüblichen Silber-Reinigungsmittel (Tauchbäder, Polier-Pasten, Silberputz-Tücher mit Imprägnierung) zerstören die Bernstein-Oberfläche — die enthaltenen Säuren, Tenside oder Lösungsmittel mattieren den Cabochon, lösen Klebungen an und können bei längerem Kontakt zu sichtbaren Trübungen führen.

Die richtige Pflege ist denkbar einfach: Trockene Aufbewahrung in einer abgedunkelten Schmuckschatulle, gelegentliches Abreiben mit einem weichen, trockenen Mikrofaser-Tuch. Eingelegtes Silber-Reinigungstuch nur lokal am Metall, niemals großflächig oder am Bernstein-Stein. Bei stärkerer Anlauf-Patina am Silber: vorsichtig mit einem feuchten Wattestäbchen punktuell behandeln, nie tauchen. Mehr Detail im eigenen Beitrag Bernstein reinigen & pflegen.

Verkauf einer Brosche — was wir brauchen.

Marcel berät und vermittelt Bernstein-Broschen mit dokumentierbarer baltischer Provenienz. Wer ein Stück bewerten lassen möchte, kann den ersten Schritt komplett per Foto-Service deutschlandweit erledigen — eine persönliche Übergabe ist erst dann notwendig, wenn die Vor-Bewertung positiv ausfällt und ein konkreter Vermittlungs-Schritt ansteht. Für die Foto-Anfrage werden vier Aufnahmen und drei Angaben gebraucht:

Aus diesen Angaben kann Marcel in den meisten Fällen eine erste qualifizierte Einordnung geben — Sammler-Kategorie, Epoche, vermutete Werkstatt, Material-Klasse, Preis-Range. Sollte das Stück in eine Sammler-Kategorie fallen (SBM, Fischland, Jugendstil mit Werkstatt-Zuordnung, dokumentiertes Art-Déco), wird die Vermittlung individuell besprochen. Marcel selbst zahlt nicht aus, versendet nicht, repariert nicht — er bringt Verkäufer und Sammler/Käufer zusammen und begleitet den Vorgang. Reine Schmuck-Ankäufe ohne Bernstein-Anteil sowie Reparaturen sind beim Schwesterbetrieb Kronjuwelier Essen Bredeney besser aufgehoben.

Eine Bernstein-Brosche ist ein Werkstatt-Dokument im Taschenformat — Trägerplatte, Punze und Cabochon ergeben zusammen die ganze Geschichte einer Epoche.
Marcel Querl · Bernsteinexperte

Quellen & Weiterführendes.

Diese Typologie stützt sich auf museumskundliche und werkkatalogische Standardquellen. Für vertiefende Recherche zu Werkstatt-Zuordnung und Designer-Bestimmung empfehlen wir vor allem die Sammlungs-Kataloge des Schmuckmuseums Pforzheim sowie die SBM-Dokumentation des Ostpreußischen Landesmuseums Lüneburg.

Verfasst von Marcel Querl

Bernsteinexperte seit 2012. Berater, Vermittler und passionierter Sammler ausschließlich baltischen Bernsteins. Schwerpunkt antiker SBM- und Jugendstil-Schmuck. Bekannt aus NDR-Nordstory, SPIEGEL TV, WELT, BILD und WirtschaftsWoche.

Bernstein seit 2012 Bekannt aus dem TV
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