Heinrich Schliemann, geboren 1822 in Neubukow, Mecklenburg, ist eine schillernde Figur der frühen wissenschaftlichen Archäologie. Selbsterkorener Entdecker Trojas, glückloser Geschäftsmann mit gleichzeitig genialem Sprachtalent, autodidaktischer Wissenschaftler mit problematischer Quellen-Treue — und nebenbei ein wichtiger Zeuge für die Reichweite des bronzezeitlichen Bernsteinhandels. Für die Bernstein-Welt ist er weniger als Person interessant, mehr durch das, was er aus dem Hügel von Hisarlık an die Oberfläche brachte.
Bernstein-Funde aus Schicht III Trojas.
In seinem 1881 erschienenen Hauptwerk Ilios. Stadt und Land der Trojaner beschreibt Schliemann Bernstein-Perlen, die er in den unteren Schichten des Hisarlık-Hügels ausgegraben hatte. Besonders die Schicht III (heute datiert auf etwa 2300–2100 v. Chr., Frühbronzezeit) enthielt mehrere Bernstein-Stücke — meist kleine, durchbohrte Perlen, möglicherweise Bestandteile von Halsketten oder Brustbergen. Schliemann selbst war über die Funde verblüfft: dass baltischer Bernstein 3000 Jahre vor Christus den Weg ins östliche Mittelmeer gefunden hatte, war eine Sensation.
Spätere chemische Analysen (vor allem die Arbeiten von Curt W. Beck in den 1960er und 1970er Jahren am Vassar College) bestätigten anhand der Infrarot-Spektren mit hoher Sicherheit: ein erheblicher Teil der Schliemann-Bernstein-Perlen ist tatsächlich baltischer Succinit, kein lokales Material und kein dominikanischer oder anderer Bernstein. Damit ist Troja einer der frühesten datierten Belege für den europäischen Bernstein-Fernhandel.
Die bronzezeitliche Bernsteinstraße.
Aus den Funden in Troja und in zahlreichen anderen Fundorten (mykenische Schachtgräber, ägyptische Königsgräber des Neuen Reiches, italienische Etrusker-Funde) rekonstruieren Archäologen heute eine Netz-Struktur des bronzezeitlichen Bernstein-Handels: vom Ostsee-Raum über die Weichsel und Oder ins böhmische Becken, weiter über die Alpen und die Adria nach Süden. Die Funde in Troja gehören zur östlichen Variante, die vermutlich über das Schwarze Meer und Anatolien lief.
Die Mengen waren relativ klein, der Wert pro Stück entsprechend hoch — Bernstein war im 3. und 2. Jahrtausend v. Chr. ein elitäres Prestige-Material, vergleichbar mit Gold oder Lapislazuli. In ägyptischen Königsgräbern tauchte er als Grabbeigabe auf, in mykenischen Schachtgräbern als Bestandteil aufwändiger Halsketten.
Bedeutung für das Verständnis baltischen Bernsteins.
Die Schliemann-Funde sind mehr als archäologische Kuriosität. Sie zeigen, dass baltischer Bernstein seit mindestens 5000 Jahren als überregionales Wertgut behandelt wird — eine Tradition, die bis in die heutige Sammler- und Schmuck-Welt ungebrochen ist. Wenn heute ein Erbe einer ostpreußischen Großmutter eine SBM-Trachtkette begutachten lässt, steht er in einer Linie, die bis in die Bronzezeit zurückreicht.
Methodisch wichtig ist auch der Beck'sche Beleg: die Infrarot-Spektroskopie hat eindeutig gezeigt, dass die Schliemann-Perlen baltischer Succinit sind — keine östliche oder mediterrane Variante. Dieselbe Methode (siehe Bernsteinsäure) wird heute auch bei strittigen Provenienz-Fragen moderner Sammler-Stücke eingesetzt.
Bezug zu Bernsteinmobil.
Schliemann taucht in Marcels Beratungs-Praxis selten direkt auf — bronzezeitliche Funde aus deutschen Erbe-Nachlässen sind extrem ungewöhnlich. Was bleibt, ist das Wissen um die historische Tiefe des Materials: baltischer Bernstein ist nicht einfach ein Modeschmuck-Material der letzten 150 Jahre, sondern ein über fünf Jahrtausende stabiles Wertgut. Diese Perspektive hilft, wenn Erben sich fragen, warum eine Bernstein-Kette aus dem Nachlass der Großtante mehr als 50 € wert sein soll — die Antwort liegt in einem Handels-Netzwerk, das älter ist als die meisten europäischen Sprachen.
Quellen & weiterführende Literatur.
- Schliemann, H.: Ilios. Stadt und Land der Trojaner. Leipzig 1881.
- Beck, C. W.: Spectroscopic Investigations of Amber. Archaeometry Studies 22:57–110, 1986.
- Causey, F.: Amber and the Ancient World. J. Paul Getty Museum, Los Angeles 2012.
- Harding, A. & Hughes-Brock, H.: Amber in the Mycenaean World. Annual of the British School at Athens 69:145–172, 1974.