Stantienit gehört wie Beckerit, Gedanit und Glessit zur klassischen Otto-Helm-Reihe der baltischen Begleitharze. Helm beschrieb es 1881 in den Schriften der Naturforschenden Gesellschaft Danzig und benannte es nach Friedrich Wilhelm Stantien, dem Senior-Partner der Königsberger Bernstein-Firma Stantien & Becker. Wie bei Beckerit war die Namensgebung eine kollegiale Ehrung der Industriellen, ohne die Helms eigene Forschung — die Materialproben kamen ja aus deren Tagebau — gar nicht möglich gewesen wäre.

Was Stantienit materialwissenschaftlich ist.

Stantienit fällt im Förder-Material durch drei sehr auffällige Eigenschaften auf. Erstens die Farbe: pechschwarz, undurchsichtig, ohne erkennbare braune oder gelbe Untertöne. Zweitens das Bruchverhalten: stark spröde, fast glasig, mit muschelig brechenden Flächen, die in der Regel scharfe Kanten ergeben. Drittens die Härte: leicht spröder als Succinit, aber im Mohs-Bereich vergleichbar (etwa 2,0–2,5).

Chemisch enthält Stantienit nur Spuren von Bernsteinsäure und gehört damit nicht zur engeren Succinit-Definition. Sein Infrarot-Spektrum unterscheidet sich deutlich von dem des Succinits — die Banden bei 1735 cm⁻¹, die für Bernsteinsäure-Ester typisch sind, fehlen praktisch ganz (siehe Bernsteinsäure). Stantienit ist damit eines der Begleitharze, das chemisch am klarsten von Succinit getrennt werden kann.

Vorkommen und Mengen.

Im modernen Yantarny-Förder-Material macht Stantienit weniger als 0,5 Prozent aus — es ist damit eines der selteneren Begleitharze. Die Kombinats-Sortierung schleust Stantienit-Stücke routinemäßig aus dem Hauptstrom aus; sie landen in der Regel in Sammlungs-Beständen oder werden, wenn die Stücke ausreichend groß sind, an mineralogische Händler verkauft.

Historisch tauchten in der ostpreußischen Werkstatt-Sprache des 19. Jahrhunderts gelegentlich „Schwarzbernstein"-Anhänger auf — meist Trauer-Schmuck der bürgerlichen Mode, in Konkurrenz zum britischen Jet/Gagat aus Whitby. Es ist unklar, ob diese Stücke tatsächlich aus Stantienit gefertigt wurden oder einfach aus dunkel pigmentiertem Succinit; eine systematische historische Aufarbeitung steht aus.

Friedrich Wilhelm Stantien als Person.

Stantien selbst war ein klassischer Aufsteiger des preußischen 19. Jahrhunderts. Geboren 1817 in Königsberg, arbeitete er sich vom kleinen Kaufmann zum Unternehmer hoch. Als die preußische Krone 1858 die alten Bernstein-Konzessionen vergab, sicherte sich Stantien zusammen mit dem deutlich jüngeren Moritz Becker (1830–1901) die Rechte am Strand-Bernstein-Geschäft, später auch die Konzession für den industriellen Tagebau in Palmnicken. Die Firma Stantien & Becker dominierte ab den 1870er Jahren den Weltmarkt für baltischen Bernstein und legte die ökonomische Grundlage für die spätere Staatliche Bernstein-Manufaktur.

Stantien war auch Reichstagsabgeordneter und engagierte sich für die ostpreußische Wirtschaft. Sein Tod 1891 markierte das Ende der „heroischen" Phase der Königsberger Bernstein-Industrie — wenig später, 1899, kaufte der preußische Staat die Firma auf und führte die Förderung in Eigenregie weiter.

Bezug zu Bernsteinmobil.

In Marcels Bewertungs-Praxis spielt Stantienit als Material kaum eine Rolle — Schmuck-Bernstein aus deutschen Erbe-Nachlässen ist praktisch immer Succinit, gelegentlich auch Pressbernstein, aber selten Stantienit. Wer im Nachlass schwarze, glasig wirkende „Bernstein"-Anhänger findet, sollte zunächst die Echtheit prüfen: viele schwarze Trauer-Anhänger des 19. Jahrhunderts sind Gagat (Jet), Vulkanit oder Ebonit — nicht Stantienit.

Relevant wird Stantienit höchstens bei mineralogischen Sammlungs-Nachlässen mit ausdrücklicher Etiketten-Provenienz. Solche Sammlungs-Stufen sind systematisch interessant, aber nicht hochpreisig. Marcel vermittelt bei Bedarf an die spezialisierten Bernstein-Museums-Sammlungen in Ribnitz-Damgarten oder das Erdwissenschaftliche Museum Warschau.

Quellen & weiterführende Literatur.