Bernsteinlack war über Jahrhunderte einer der härtesten, dauerhaftesten und teuersten Naturharz-Lacke Europas. Sein Geheimnis liegt darin, dass baltischer Bernstein anders als Kopal oder Schellack einen sehr hohen Anteil an dreidimensional vernetzten Polymeren enthält — was ihn schwer löslich macht, aber dem fertigen Lack eine Härte verleiht, die kein anderer Naturlack erreicht. Wer eine alte Stradivari-Geige bewundert oder eine Renaissance-Truhe restauriert, hat es mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Bernsteinlack zu tun.
Herstellung im traditionellen Verfahren.
Die Produktion ist physikalisch unangenehm und chemisch heikel. Bernstein-Brösel (oft Abfall aus der Schmuckproduktion, sogenannte „Sortenbernsteine") werden in einem Eisentopf langsam erhitzt. Bei etwa 280 bis 380 °C beginnt der Bernstein sich zu zersetzen, gibt Bernsteinöl und Bernsteinsäure ab, schäumt heftig und wird schließlich zu einer dunklen, zähen Schmelze. Diese Schmelze wird in heißem Leinöl gelöst, mit Terpentin verdünnt und anschließend filtriert.
Der so gewonnene Lack ist je nach Schmelzgrad heller oder dunkler — sogenannter „blanker" Bernsteinlack (kurz erhitzt, hellgelb) ist heller und elastischer, „dunkler" Bernsteinlack (lange erhitzt, fast schwarz) ist härter und sproder. Beide Sorten brauchen Tage bis Wochen zum vollständigen Aushärten und entwickeln dann eine Oberfläche, die zugleich kratzfest und seidig-warm wirkt.
Die Stradivari-Hypothese.
Seit dem 19. Jahrhundert wird in Geigenbau-Kreisen darüber spekuliert, ob das Geheimnis der Cremoneser Meistergeigen (Stradivari, Guarneri, Amati) in einem speziellen Bernsteinlack-Rezept liege. Die These ist romantisch — und vermutlich falsch. Moderne Analysen (u. a. Joseph Nagyvary in den 1990ern, Brandmair/Greiner 2010) haben in den Original-Lacken Spuren von Pinien-Harz, Trockenölen und mineralischen Zusätzen gefunden, aber keine eindeutigen Hinweise auf baltischen Bernstein. Wahrscheinlicher ist, dass die Cremoneser mit lokal verfügbaren Harzen gearbeitet haben — Bernstein war im 17. Jahrhundert auch in Italien ein Luxus-Importgut.
Trotzdem ist Bernsteinlack im modernen Geigenbau weiter präsent: einige Meister im deutschen Mittenwald und im böhmischen Schönbach (Luby) verwenden ihn bis heute, vor allem für historisch nachgebaute Barock-Instrumente. Eine 250-ml-Flasche guter handwerklich gekochter Bernsteinlack kostet 80–150 € — für ein Material, das großindustriell als Wegwerf-Lack längst durch synthetische Acrylate ersetzt wurde.
Andere historische Anwendungen.
Neben dem Geigenbau wurde Bernsteinlack vor allem in drei Industriezweigen eingesetzt: erstens im hochwertigen Möbelbau (Politur-Lack für Konzertflügel, Schreibtische, Bilderrahmen), zweitens im Kutschen- und Wagenbau (Schutzlack für Kutschen-Räder und -Aufbauten, wegen der enormen Witterungsbeständigkeit) und drittens in der wissenschaftlichen Instrumentenfertigung (Schutz für Mikroskop-Objektive, optische Linsen, Präzisionswerkzeuge).
Aus all diesen Anwendungen ist Bernsteinlack im Lauf des 20. Jahrhunderts durch synthetische Lacke verdrängt worden — schneller trocknend, billiger, mit reproduzierbarer Qualität. Was bleibt, ist die Restauratoren-Nische und ein gelegentlicher Auftritt im Boutique-Geigenbau.
Bezug zu Bernsteinmobil.
Bernsteinlack ist für Marcels Beratungs-Praxis ein Randthema, taucht aber in zwei Konstellationen regelmäßig auf. Erstens bei Erben von Schreinern oder Geigenbauern, die in Werkstatt-Nachlässen verschlossene braune Glasflaschen mit pechartigem Inhalt finden — Marcel hilft dann bei der Einschätzung, ob es sich um wertvollen handgekochten Bernsteinlack handelt oder um ein gewöhnliches Naturharz. Zweitens bei Sammlern, die Bernstein-Bruchware aus der Schmuckverarbeitung loswerden möchten: für die Lack-Produktion eignet sich gerade das Material, das im Schmuckmarkt kaum noch handelbar ist. Mengenmäßig ist das aber keine relevante Verwertungs-Schiene.
Quellen & weiterführende Literatur.
- Brandmair, B. & Greiner, S. P.: Stradivari Varnish. Serafino, München 2010.
- Nagyvary, J.: The Chemistry of a Stradivari Violin. Chemical & Engineering News, 1988.
- Schweppe, H.: Handbuch der Naturfarbstoffe und Naturharze. Ecomed-Verlag, Landsberg.
- Krumbiegel, G. & Krumbiegel, B.: Bernstein — Fossile Harze aus aller Welt. Goldschneck-Verlag, Wiebelsheim.