Bernsteinöl ist eines der ältesten Destillations-Produkte der europäischen Pharmazie. Schon Plinius der Ältere erwähnt im 37. Buch seiner Naturalis Historia (Kap. 11) die Verwendung von Bernstein gegen Halsleiden und Fieber; ob er dabei das destillierte Öl meinte oder gepulverten Rohbernstein, bleibt offen. Spätestens seit dem 13. Jahrhundert ist Trockendestillation von Bernstein durch arabische und europäische Alchemisten dokumentiert.
Was Bernsteinöl chemisch ist.
Bei der Trockendestillation wird baltischer Bernstein in einem geschlossenen Eisengefäß auf 300–400 °C erhitzt. Dabei zerfällt das Polymer-Gerüst und gibt drei Fraktionen frei: erstens kristalline Bernsteinsäure (C4H6O4), die im Kühler ausfällt; zweitens ein wässriges Destillat („Bernsteingeist") mit gelöster Säure; drittens ein öliges, dunkles Destillat mit aromatischen Kohlenwasserstoffen, Terpenen und Phenolen — das eigentliche Bernsteinöl. Letzteres macht etwa 15–30 % der eingesetzten Bernsteinmasse aus.
Frisch destilliert ist Bernsteinöl gelblich-rötlich und brennt mit rußiger Flamme. An der Luft dunkelt es schnell nach, wird zähflüssig und entwickelt einen typisch brenzlig-würzigen Geruch, der an Phenol, Kreosot und gerösteten Tabak erinnert. Wer einmal an einer Flasche gerochen hat, vergisst den Duft nicht — auch nicht den, der ihn als unangenehm empfindet.
Historische Apotheken-Anwendung.
In den preußischen Arzneibüchern des 18. und frühen 19. Jahrhunderts war Bernsteinöl unter dem Namen Oleum succini offizinell. Es wurde innerlich gegen Krämpfe, Hysterie, Epilepsie und „Mutterleiden" verordnet — Diagnosen, die in der zeitgenössischen Säftelehre noch sinnvoll erschienen, heute aber medizinhistorisch sind. Äußerlich diente das Öl als Einreibung gegen rheumatische Beschwerden, Zahnschmerzen und Hautausschläge. In Kinderstuben war eine Mischung aus Bernsteinöl und Honig gegen Krupphusten verbreitet.
Mit dem Aufkommen der pharmazeutischen Chemie im späten 19. Jahrhundert verschwand Bernsteinöl aus den offiziellen Arzneibüchern. Es wurde durch synthetische Wirkstoffe ersetzt, deren Zusammensetzung und Wirkung kontrollierbar war. Bernsteinöl ist heute in Deutschland weder als Arznei noch als Lebensmittel zugelassen — Anbieter, die es als Heilmittel bewerben, bewegen sich rechtlich auf dünnem Eis.
Industrielle Verwendung.
Außerhalb der Pharmazie spielte Bernsteinöl im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine kleine Rolle als Bestandteil von Bernsteinlack, als Geruchsstoff in Räuchermischungen und als Lösungsmittel für andere Naturharze. In der sowjetischen Bernstein-Industrie der Nachkriegszeit wurde aus dem ölhaltigen Abfall der Schmuckproduktion routinemäßig Bernsteinöl gewonnen — primär als Industriechemikalie, nicht als Konsumprodukt.
Eine besondere Anwendung ist die Räuchermischung der orthodoxen Kirche: in einigen ostpolnischen und russischen Klöstern wird Bernsteinöl bis heute den Räucherharzen beigemischt. Der charakteristisch warme, harzig-brenzlige Duft beim Schwenken der Räucherfässer enthält Spuren-Echo des paläogenen Koniferenwaldes — eine Liturgie, die ältere Verbindungen aufruft, als den meisten Kirchgängern bewusst ist.
Bezug zu Bernsteinmobil.
Bernsteinöl spielt in Marcels täglicher Bewertungs-Praxis kaum eine Rolle — Schmuckstücke, Schmuck-Bernstein und Sammlungs-Material sind die normalen Bewertungs-Gegenstände, nicht industrielle Destillate. Gelegentlich tauchen aber in alten Apotheken-Nachlässen aus dem ost- und mitteldeutschen Raum noch braune Glasflaschen mit der lateinischen Aufschrift Oleum succini auf. Solche historischen Apotheken-Flaschen sind als pharmaziehistorisches Sammelobjekt durchaus gefragt — der Wert liegt nicht im Inhalt, sondern im handgeschriebenen Etikett und der Provenienz.
Quellen & weiterführende Literatur.
- Plinius d. Ä.: Naturalis Historia, Buch 37, Kap. 11.
- Preußische Pharmakopöe, Ausgaben 1799 und 1827 (Eintrag Oleum succini).
- Helm, O.: Über das Bernsteinöl. Schriften der Naturforschenden Gesellschaft Danzig, 1885.
- Krumbiegel, G. & Krumbiegel, B.: Bernstein — Fossile Harze aus aller Welt. Goldschneck-Verlag, Wiebelsheim.