Pinus succinifera ist einer jener wissenschaftlichen Namen, die in der populären Bernstein-Literatur so oft auftauchen, dass man ihn für gesichert hält — der aber bei näherem Hinsehen eine schlichte Arbeitshypothese aus dem 19. Jahrhundert ist, und nach heutigem Forschungsstand wahrscheinlich falsch. Die Geschichte zeigt exemplarisch, wie naturkundliche Konzepte entstehen, sich verfestigen und durch neue Methoden wieder aufgelöst werden.

Conwentz und die Bernstein-Pinie.

Hugo Wilhelm Conwentz (1855–1922), Direktor des Westpreußischen Provinzialmuseums in Danzig, veröffentlichte 1890 die Monographie der Baltischen Bernsteinbäume. Auf Basis fossiler Holz- und Nadel-Einschlüsse, die er aus baltischem Bernstein präparierte, postulierte er einen einzelnen Mutterbaum für das gesamte baltische Bernstein-Vorkommen — eine ausgestorbene Kiefer, die er Pinus succinifera (lateinisch „Bernstein-tragende Kiefer") nannte. Der Name war eine pragmatische Notlösung: Conwentz konnte das Material nicht eindeutig einer existierenden Art zuordnen und schuf einen neuen Sammel-Namen.

Diese Hypothese setzte sich für ein gutes Jahrhundert in der Lehrbuch-Literatur durch. Bis in die 1990er Jahre konnte man in jedem populären Bernstein-Buch die Aussage finden: „Bernstein ist das fossile Harz der eozänen Pinus succinifera." Eine kurze Geschichte, ein einprägsamer Name, ein erzählerisch zufriedenstellendes Bild.

Die Auflösung der Hypothese.

Seit den 1990er Jahren haben drei methodische Fortschritte das Conwentz-Bild grundlegend revidiert. Erstens die chemische Analytik: detaillierte Untersuchung der Harz-Polymere zeigt eine größere Variabilität, als sie aus einer einzigen Art zu erwarten wäre. Zweitens die Erweiterung der Inklusen-Datenbank: mit den heute bekannten Pflanzen-Inklusen (Pollen, Blüten, Nadeln, Zapfen, Hölzer) lässt sich der eozäne „Bernsteinwald" als komplexe ökologische Gemeinschaft mit vielen Konifere-Arten rekonstruieren. Drittens die biomolekulare Marker-Analyse: Wolfe und Kollegen (Wolfe et al. 2009, Proc. Royal Soc. B) identifizierten chemische Marker, die eine starke Verwandtschaft mit der heutigen Schirmtanne Sciadopitys verticillata (Pinus-Verwandter im weiteren Sinn) nahelegen — einer in Japan endemischen Konifere, die heute außerhalb von Botanik-Gärten kaum bekannt ist.

Heute gilt die wissenschaftliche Konsens-Position: baltischer Bernstein ist ein Misch-Material aus mindestens mehreren Koniferen-Arten der Pinaceae- und Sciadopityaceae-Familie, mit hohem Anteil eines Sciadopitys-verwandten Baums. Pinus succinifera bleibt als historischer Sammel-Name in Gebrauch, hat aber keinen Status mehr als „echte" Spezies.

Der eozäne Bernsteinwald.

Wie sah der Wald aus, der das baltische Material lieferte? Aus den Inklusen-Befunden lässt sich rekonstruieren: ein subtropisch warmer Mischwald in der Region des heutigen Skandinaviens und der nördlichen Ostsee, mit Koniferen-Anteilen (Sciadopityaceae, Pinaceae, Cupressaceae), Laubbäumen (Eiche, Buche, Erle, Magnolie), Palmen in den südlichen Bereichen, und einer ausgesprochen vielfältigen Insekten-Fauna. Die Temperaturen lagen im Jahresmittel deutlich über den heutigen — etwa wie im heutigen Mittelmeerraum bis Süden.

Mehrere klimatische Krisen-Phasen führten zu einer überdurchschnittlichen Harz-Produktion. Stankiewicz und Kollegen postulierten 1998 (Geology 26:643–646) einen Zusammenhang mit Hitzestress oder pathogenem Befall, der die Konifere zur Harz-Ausschüttung zwang. Über lange Zeiträume akkumulierten sich diese Harz-Mengen in den Küsten-Sanden und bildeten schließlich die Blaue Erde des Samlands.

Bedeutung für heutige Sammler.

Praktisch zählt der genaue botanische Ursprung des baltischen Bernsteins für Schmuck- und Sammlerstücke nicht — es bleibt baltischer Succinit mit allen seinen Eigenschaften, unabhängig davon, welcher konkrete Mutterbaum welchen Tropfen ausgeschieden hat. Für die Bewertung relevant ist die Provenienz (Förder-Region, Werkstatt-Tradition, Material-Qualität) und nicht die paläobotanische Frage.

Interessant wird die Pinus succinifera-Geschichte aber für jeden, der Bernstein-Bücher des frühen oder mittleren 20. Jahrhunderts erbt: die enthaltenen Aussagen zur Bernstein-Pinie spiegeln den Conwentz-Stand wider, nicht den heutigen Forschungsstand. Wer solche Bücher zum Verkauf anbietet oder ihre Aussagen zitiert, sollte den historischen Charakter der Hypothese kennen.

Quellen & weiterführende Literatur.