Ein Beschluss gegen das Vergessen
Im Jahr 1979 fasst der Ministerrat der RSFSR einen Beschluss, der auf dem Papier nach Denkmalpflege klingt und in Wahrheit ein Eingeständnis ist: Das Bernsteinzimmer im Katharinenpalast von Zarskoje Selo soll rekonstruiert werden, denn das Original bleibt verschwunden. Die Suche nach den 1941 von der Wehrmacht abtransportierten Paneelen, deren Demontage damals mehrere Wochen dauerte, hatte mehr als drei Jahrzehnte lang nichts erbracht. Also entschied man sich für den zweiten Weg: nicht finden, sondern neu machen.
Das Problem war nur, dass niemand mehr wusste, wie. Die Bernsteinschnitzerei großer Architekturformate war um 1979 eine nahezu verlorene Kunstform. Die barocken Techniken der Königsberger und Danziger Werkstätten, Verleimung auf Trägerplatten, Farbsortierung, Reliefschnitt, Klärung des Materials, waren mit der Staatlichen Bernstein-Manufaktur und ihrer Lehrlingskette 1945 untergegangen. Die Königsberger Meistertradition hatte fast vier Jahrhunderte gehalten. 1979 existierte sie nirgends mehr als geschlossenes Wissen, weder in Kaliningrad noch in Deutschland noch in Leningrad. Selbst das Kombinat in Jantarny, das den Rohstoff seit 1947 in Industriemengen förderte, verarbeitete ihn zu Schmuck, Pressbernstein und Chemie, nicht zu höfischer Schnitzkunst. Wer das Bernsteinzimmer neu bauen wollte, musste zuerst das Handwerk neu bauen.
Lehrjahre an Kopien: 1979 bis 1984
Die sowjetische Antwort darauf war methodisch klug. Bevor irgendjemand ein Wandpaneel anrührte, übte das Team an kleineren historischen Vorlagen. Zwischen 1979 und 1984 entstanden im Restaurierungsbetrieb „Restavrator" Kopien als Lehrstücke: ein Schachbrett mit 32 Figuren, die sogenannte Dione-Schatulle, eine Elisabeth-Kamee, sechs Obelisken aus Pawlowsk. So dokumentiert es das Museum Zarskoje Selo in seiner Werkstattgeschichte. Jedes dieser Objekte war ein Prüfstein für eine bestimmte Technik: Vollplastik, Intarsie, Relief, Architekturminiatur. Zu den Pionieren dieser ersten Phase gehörte Alexander Schurawljow; ab 1983 lieferte der Architekt Alexander Kedrinski das Gesamtprojekt der Rekonstruktion.
Das ist im Kern das Muster einer barocken Werkstattausbildung, nur unter staatlicher Regie und ohne lebende Meister. Wo im 17. Jahrhundert ein Lehrling dem Meister über die Schulter sah, sah das Leningrader Team den toten Objekten über die Schulter: Vorkriegsfotografien des Originalzimmers, Vergleichsstücke aus Museumsbeständen, erhaltene Kleinarbeiten der alten Werkstätten. Die Fachzeitschrift Gems & Gemology hat den Prozess 2018 in einer ausführlichen Studie nachgezeichnet, sie gilt als beste technische Quelle zur Rekonstruktion. Ihr Befund deckt sich mit dem, was die Lehrstück-Liste schon verrät: Hier wurde nicht restauriert, hier wurde eine Ausbildung improvisiert, für die es keine Lehrer mehr gab.
Trägerplatten, Klarbrand, Reliefschnitt
Was genau musste zurückgewonnen werden? Die Wände des Bernsteinzimmers sind keine massiven Bernsteinflächen, sondern Mosaike: dünn geschnittene Plättchen, nach Farbe und Transparenz sortiert, auf Trägerplatten verleimt, anschließend geschliffen und poliert. Dazu kommen der Reliefschnitt für Rahmen, Kartuschen und Figurenschmuck sowie der Klarbrand, der trübe Steine durchsichtig macht. Jede dieser Techniken war im 18. Jahrhundert Werkstattwissen, das mündlich weitergegeben wurde, und genau deshalb war sie 1979 verschwunden: Sie stand in keinem Lehrbuch, sie saß in Händen, die nicht mehr lebten. Die Werkstatt musste die Verfahren aus den Objekten selbst herauslesen, durch Versuch, Irrtum und Materialverbrauch. Der Abstand zwischen sechs Tonnen Rohmaterial und den fertigen Wandflächen erzählt davon, wie viel Verschnitt diese Bauweise erzwingt.
Igdalow, Krylow und die 350 Farbtöne
Ab 1982 leitete Boris Igdalow, Jahrgang 1956, das Team, das Ende der 1990er Jahre als eigenständige Zarskoselskaja Jantarnaja Masterskaja firmierte, die Bernsteinwerkstatt von Zarskoje Selo. Bereits 1981 war Alexander Krylow eingetreten, und seine Rolle zeigt, wie ernst die Werkstatt das Problem der Einheitlichkeit nahm: Krylow verantwortete über die gesamte Laufzeit allein die Farbabstimmung der Paneele. Rund 350 Farbtöne von Bernstein mussten unterschieden, sortiert und so verbaut werden, dass die Wände wie aus einem Guss wirken. Eine Aufgabe in einer Hand, über zwei Jahrzehnte, aus genau dem Grund, den die Werkstatt selbst angibt: Konsistenz.
Über 6 Tonnen Bernstein gingen in die Rekonstruktion, baltischer Succinit von derselben Samlandküste, die schon die Originale des 18. Jahrhunderts geliefert hatte. Die Angaben zur Mannschaftsstärke schwanken je nach Quelle zwischen 40 und 55 Meistern; genauer lässt es sich seriös nicht sagen, also bleibt es bei der Spanne. Sicher ist etwas anderes, und das wiegt schwerer als jede Personalzahl: Über gut zwanzig Jahre wuchs hier eine komplette Generation von Bernsteinschnitzern heran, die es vorher nicht gab. Wer 1979 als junger Restaurator anfing, stand 2003 als ausgebildeter Bernsteinmeister da, mit einem Können, das seit 1945 niemand mehr vollständig besessen hatte.
Geld aus dem Ruhrgebiet
Mitte der 1990er Jahre war das Projekt technisch gereift, aber finanziell am Ende. 1994 waren die ersten Sockelpaneele und der Ecktisch montiert, dann stockte der Fortschritt im postsowjetischen Geldmangel. Die Rettung kam aus Deutschland: 1999 übernahm die Ruhrgas AG, heute in E.ON aufgegangen, die Finanzierung der Fertigstellung mit 3,5 Millionen US-Dollar. Beim Datum der Zahlung gehen die Quellen auseinander, neben 1999 kursiert auch 2001; am Befund ändert das nichts. Ein deutscher Konzern bezahlte die Wiedergeburt eines preußischen Geschenks an Russland, das deutsche Truppen geraubt hatten. Die Geschichte des Bernsteinzimmers war nie arm an Ironie, diese gehört zu den stilleren.
Bremen 1997: Das Original kehrt als Prüfstein zurück
Mitten in die Schlussphase platzte ein Fund, der für die Werkstatt unbezahlbar war. 1997 tauchte in Bremen eines der vier originalen Florentiner Steinmosaike des Bernsteinzimmers auf, die „Allegorie von Tast- und Geruchssinn". Der Anwalt des Rentners Hans Achtermann, Sohn eines Offiziers aus dem Begleitkonvoi des Abtransports von 1941, bot es für 2,5 Millionen Dollar an. Das Stück wurde beschlagnahmt und im Jahr 2000 an Russland zurückgegeben.
Für Zarskoje Selo bedeutete das einen einmaligen Härtetest: Die Werkstatt hatte dasselbe Mosaik längst nach Fotografien rekonstruiert, nun konnte sie Original und Nachschöpfung nebeneinanderlegen. Das Ergebnis, dokumentiert unter anderem in der Gems & Gemology-Studie von 2018: Die Abweichungen erwiesen sich als minimal. Es gibt kaum eine härtere Qualitätskontrolle für eine wiedererfundene Technik, als unwissentlich gegen das verlorene Original anzutreten und zu bestehen. Die Leningrader Lehrjahre an Kopien hatten sich ausgezahlt, und zwar messbar.
31. Mai 2003 und die eigentliche Pointe
Am 31. Mai 2003, zum 300. Stadtjubiläum von St. Petersburg, weihten Wladimir Putin und Gerhard Schröder das rekonstruierte Bernsteinzimmer ein. Die Bilder gingen um die Welt, die Deutung blieb meist beim Glanz stehen. Für die Geschichte des Handwerks nach 1945 liegt die Pointe woanders: Die Rekonstruktion war eine staatlich finanzierte Lehrwerkstatt. Sie hat die im 20. Jahrhundert abgerissene Großtechnik des Bernsteinschnitzens neu kodifiziert, vom Schliff über die Farbsortierung bis zur Montage ganzer Wandflächen. Was Danzig nach 1945 über Genossenschaften und Privatwerkstätten für den Schmuck leistete, leistete Zarskoje Selo für das Architekturformat: die Wiederherstellung einer Könnenskette, die 1945 gerissen war. Damit fügt sich Zarskoje Selo in das Muster, das diesen ganzen Text trägt: Das Material blieb an der Samlandküste, die Industrie fand sich in Ribnitz wieder, der Handel in Danzig, und die höfische Großtechnik, die niemand mehr beherrschte, wurde in Russland neu aufgebaut, bezahlt vom Staat und einem deutschen Konzern.
Die Werkstatt besteht bis heute fort, restauriert, nimmt Aufträge an und produziert eigene Kunst, darunter eine Bernstein-Geige Krylows; 2023 erhielten Beteiligte den russischen Staatspreis. Ehrlich bleibt anzumerken, was diese Erfolgsgeschichte nicht ist: keine Kontinuität. Kein einziger Königsberger Meister stand in Zarskoje Selo an der Werkbank, die biografische Brücke fehlt vollständig. Die Werkstatt hat die Kunst der Königsberger Barockmeister nicht geerbt, sie hat sie aus Fotografien, Lehrstücken und sechs Tonnen Samland-Bernstein zurückgerechnet. Dass das überhaupt nötig war, ist der vielleicht deutlichste Beleg für das, was 1945 verloren ging. Die Details zum Original, seiner Demontage 1941 und den Theorien zu seinem Verbleib erzählt unsere Säule über das Bernsteinzimmer.