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Heimtests · Schritt für Schritt

Bernstein prüfen.
Sechs Tests am Küchentisch.

Sie halten ein Stück in der Hand und möchten heute Abend wissen, ob es echt ist. Diese Seite zeigt die sechs klassischen Heimtests in der Reihenfolge, in der ein erfahrener Sammler sie selbst durchgeht — mit dem, was passieren MUSS, was passieren KANN, und woran man scheitert.

Diese Seite ist die hands-on Schwester zur Hub-Seite Bernstein erkennen & prüfen. Dort steht das Warum — Material, Imitat-Familien, Markt-Hintergrund. Hier steht das Wie: Sie haben ein Stück, eine Küche, ein Wochenende, vielleicht eine UV-Lampe für 15 €. Was tun Sie genau, in welcher Reihenfolge, und woran erkennen Sie ein eindeutiges Ergebnis?

Alle Hinweise gelten ausschließlich für baltischen Bernstein — Succinit aus den Ostsee-Fundstellen von Samland bis Hiddensee. Dominikanischer, burmesischer, mexikanischer oder sumatrischer Bernstein hat abweichende Dichten, andere Fluoreszenz-Muster und eine andere chemische Signatur. Wer ein Stück unbekannter Provenienz prüft und nicht mit baltischer Herkunft rechnen kann, sollte die hier beschriebenen Tests als Indizien lesen, nicht als Urteil.

Die zweite Vorbemerkung: kein einzelner Heimtest reicht. Das ist die wichtigste Erkenntnis dieser Seite. Salzwasser allein schließt Plastik aus, lässt aber Kopal und Polybern durch. UV allein schließt Glas aus, lässt aber gut gemachte Phenolharze stehen. Erst die Kombination von drei zerstörungsfreien Tests bringt eine belastbare Aussage — und auch dann bleibt für hochwertige Stücke das Labor (FTIR) das einzig endgültige Verfahren.

Sicher, Indiz, zerstörerisch — die drei Klassen.

Bevor Sie loslegen: nicht jeder Test ist gleich harmlos. Die folgende Einteilung hilft, vor Beginn die Risiken einzuschätzen — gerade bei Erbstücken oder gefassten Schmuckteilen.

Sichere, zerstörungsfreie Tests

Salzwasser, UV-Licht, Statik (Reibtest) und der Bruchstellen-Test (sofern eine vorhandene Bruchstelle vorhanden ist und nichts neu gebrochen wird) sind zerstörungsfrei. Sie hinterlassen keine Spuren, lassen sich beliebig oft wiederholen und sind das richtige Werkzeug für hochwertige Stücke, Erbstücke und antike SBM- oder Bückeburger Ketten, an denen Sie nichts beschädigen wollen.

Indizien-Tests mit kleinem Eingriff

Der Aceton-Test hinterlässt im schlimmsten Fall eine kleine Mattstelle, die sich durch erneutes Polieren beheben lässt. Bei lackierten oder mit Schellack behandelten Stücken (manche restaurierten Trachten-Ketten) ist Aceton dagegen riskant — es greift die Lackschicht an, nicht den Bernstein selbst. Hier vor dem Test auf eine ungefasste Rückseite oder Bohrloch-Innenseite ausweichen.

Zerstörerische Tests — nur im Notfall

Der Heißnadel-Test ist destruktiv. Er hinterlässt einen winzigen Brandfleck, der bei polierten Schmuckstücken sichtbar bleibt. Verwenden Sie ihn ausschließlich an Stellen, die ohnehin verdeckt oder beschädigt sind: Bohrloch-Innenkanten, Rückseiten von Cabochons, bereits abgeplatzte Ecken. Bei gefassten Stücken in Silber oder Gold den Test gar nicht erst beginnen — die Fassung leitet Hitze und das Risiko, sich oder das Stück zu verletzen, steht in keinem Verhältnis zum Erkenntnisgewinn.

Eine eiserne Regel: testen Sie nie an Stücken, deren Wert Sie noch nicht kennen. Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob es sich um eine antike SBM-Kette oder um Markt-Souvenir aus den 1980ern handelt, machen Sie zuerst die zerstörungsfreien drei (Salzwasser, UV, Statik), dann ein Foto an Marcel Querl per WhatsApp — bevor Sie irgendetwas erhitzen oder mit Lösungsmittel betupfen.

Die sechs Heimtests

Reihenfolge: sicher zuerst, riskant zuletzt.

So gehen Sie Schritt für Schritt vor. Wer nach Test 3 schon ein eindeutiges Bild hat, kann die destruktiven Tests sparen — wer Zweifel behält, geht eins weiter.

1. Salzwasser-Test (Dichte)

Was Sie brauchen: ein Wasserglas, ca. 200 ml lauwarmes Leitungswasser, zwei gehäufte Esslöffel Speisesalz, ein Esslöffel zum Umrühren.

Methode: Salz vollständig auflösen, bis nichts mehr am Boden zurückbleibt — das dauert eine bis zwei Minuten Rühren. Die Lösung erreicht damit eine Dichte von etwa 1,18–1,20 g/cm³. Anschließend das Stück hineinlegen, kurz mit einem Holzlöffel untertauchen (Luftblasen abstreifen) und beobachten.

Was passieren MUSS: Baltischer Bernstein schwimmt. Seine Dichte liegt bei 1,05–1,10 g/cm³ — er steigt zuverlässig an die Oberfläche, manchmal kippt er dabei, manchmal taucht er bis kurz unter die Oberfläche und steigt dann auf.

Was passieren KANN: Bei manchen sehr dichten Stücken (Rohbernstein mit hohem Lehm- oder Mineraleinschluss-Anteil) kann es Sekunden dauern, bis sie aufsteigen. Bei sehr alten, ausgetrockneten Stücken kann die Schwimmlage tiefer sein als bei frisch geöltem Material. Beides ist noch normal.

Fehlerquellen: Das Stück darf nicht gefasst sein — Silber-, Messing- oder Schnur-Anhänge verfälschen die Dichte komplett. Die Salzlösung muss gesättigt sein; bei zu wenig Salz schwimmen auch leichte Plastiksorten nicht mehr. Frisch in das Wasser geworfener Bernstein nimmt Luftbläschen mit, die ihn künstlich auftreiben — kurz untertauchen und neu beobachten.

Was der Test NICHT zeigt: Kopal schwimmt ebenfalls. Polybern (Pressbernstein) schwimmt ebenfalls. Polystyrol schwimmt ebenfalls. Der Salzwasser-Test ist ein Filter gegen Glas, Phenolharz und die meisten Plastiksorten — kein Echtheits-Beweis.

2. UV-Licht-Test (Fluoreszenz)

Was Sie brauchen: eine 365-nm-UV-Lampe aus dem Mineraliensammler-Bedarf — ab etwa 15 €. Wichtig: langwellige UV-Lampen (365 nm), nicht die Schwarzlicht-Disco-Variante (400 nm), die zu wenig Energie liefert. Dunkler Raum, am besten nachts oder mit geschlossenen Rollläden.

Methode: Lampe auf etwa 5–10 cm an das Stück halten, alle Seiten anleuchten, dabei langsam drehen. Frisch geschliffene oder polierte Flächen zeigen meist eine kräftigere Fluoreszenz als oxidierte Außenhaut — bei Roh-Bernstein lohnt sich also ein Blick auf eine angeschliffene Stelle (sofern vorhanden).

Was passieren MUSS: Baltischer Bernstein fluoresziert milchig-blau, blau-grün oder hellgelb. Die Fluoreszenz ist fleckig, ungleichmäßig, folgt inneren Strukturen und Rissen. Bei vielen Stücken leuchtet das Material so kräftig, dass man die Lampe wegnehmen kann und das Stück noch sekundenlang nachglimmt.

Was passieren KANN: Manche dunklen, stark oxidierten Außenhäute zeigen kaum Fluoreszenz — eine kleine angeschliffene Stelle hilft hier. Sehr alte Patina-Schichten dämpfen das Signal. Auch sehr stark autoklavierter Bernstein zeigt teils gedämpfte, gleichmäßigere Fluoreszenz als naturbelassenes Material — das ist Indiz für Behandlung, nicht für Fälschung.

Fehlerquellen: Tageslicht verfälscht den Eindruck — der Test gehört in einen wirklich dunklen Raum. Eine zu schwache Lampe (zu kurze Wellenlänge oder zu geringe Leistung) zeigt selbst bei echtem Bernstein nur ein mattes Glimmen. UV-Lampen aus dem Geldschein-Prüfer-Bereich (meist 395 nm) sind grenzwertig.

Was der Test NICHT zeigt: Kopal fluoresziert ähnlich wie Bernstein, etwas gelblicher und meist gleichmäßiger über die ganze Oberfläche. Phenolharz zeigt eine fahle, oft grünlich-matte Fluoreszenz, die für ein geübtes Auge sofort fremd wirkt, für Einsteiger aber verwirrend ähnlich aussehen kann. Plastik zeigt entweder gar nichts oder ein kalt-bläuliches Leuchten — leicht von der warm-milchigen Bernstein-Fluoreszenz zu unterscheiden.

3. Statik-Test (Wolltuch & Papierschnipsel)

Was Sie brauchen: ein Stück Wollstoff, Filz oder ein Seidentuch; ein paar zerrissene Papierschnipsel (Zeitung, Druckerpapier) oder feine Haare. Trockene Raumluft hilft enorm — am besten im Winter bei Heizungsluft.

Methode: Das Stück 20–30 Sekunden kräftig am Wolltuch reiben, dabei Reibungswärme erzeugen, aber nicht überhitzen. Anschließend sofort an die Papierschnipsel oder Haare halten, ohne sie zu berühren — Abstand etwa 1–2 mm.

Was passieren MUSS: Echter Bernstein zieht die Schnipsel an. Sie springen kurz an das Stück, haften für einen Moment, fallen dann wieder ab. Bei kräftiger Aufladung kann man mit dem Stück über die Schnipsel „fischen", ohne sie zu berühren.

Was passieren KANN: Bei feuchter Sommerluft oder in stark klimatisierten Räumen ist die Aufladung deutlich schwächer — manche Stücke zeigen den Effekt dann nur als Andeutung. In dem Fall den Test in einem trockeneren Raum wiederholen oder das Stück mit einem Föhn kurz erwärmen (nicht heiß!).

Fehlerquellen: Gefasste Stücke mit Metall ableiten die Ladung — am Metall reiben, nicht am Stein. Synthetik-Stoffe (Polyester, Mikrofaser) erzeugen oft so starke Eigen-Aufladung, dass das Ergebnis nicht mehr aussagekräftig ist; echte Wolle oder Seide verwenden.

Was der Test NICHT zeigt: Polybern (Pressbernstein) lädt sich genauso auf wie natürlich gewachsener Bernstein — es ist ja chemisch echtes Material. Kopal lädt sich ähnlich auf. Manche Acryl- und Polyester-Plastiken zeigen schwache Aufladung. Der Statik-Test ist vor allem ein Filter gegen Glas (gar keine Aufladung) und gegen Phenolharz (kaum Aufladung) — gegen Pressbernstein und Kopal hilft er nicht.

Stand nach Test 1–3

Wenn alle drei stimmen: zu 90 % echt.

Schwimmt im Salzwasser, fluoresziert unter UV blau-grün-milchig, lädt sich am Wolltuch auf — drei zerstörungsfreie Tests, die in Kombination Plastik, Glas und Phenolharz praktisch sicher ausschließen. Bleibt der Verdacht auf Kopal oder Pressbernstein, geht es mit Test 4 weiter. Wer hier abbricht, hat ein hochwahrscheinlich echtes Stück in der Hand — ohne eine einzige Spur am Material zu hinterlassen.

4. Aceton-Test (Lösungsmittel-Resistenz)

Was Sie brauchen: reines Aceton — am besten Aceton p. a. aus der Apotheke, alternativ Nagellackentferner ohne Zusätze (kein Pflege-Öl, kein Parfüm). Ein Wattestäbchen, ein Tuch zum Abtupfen.

Methode: Wattestäbchen in Aceton tauchen, kurz abtropfen, dann an einer unauffälligen Stelle (Rückseite, Bohrloch-Innenkante, Cabochon-Unterseite) für 10–20 Sekunden aufdrücken. Anschließend trocknen lassen und nach dem Verdunsten die Stelle prüfen — mit bloßem Auge und mit der Lupe.

Was passieren MUSS: Echter baltischer Bernstein bleibt unverändert. Die Stelle sieht nach dem Trocknen genauso aus wie vorher — gleicher Glanz, gleiche Farbe, kein klebriger Film, keine Trübung.

Was passieren KANN: Stark gealterte Patina-Schichten können nach Aceton leicht heller erscheinen, weil oberflächlicher Schmutz oder altes Pflegeöl angelöst wird. Das ist unkritisch und kein Hinweis auf Fälschung.

Fehlerquellen: Lackierte oder mit Schellack behandelte Stücke (manche restaurierten Trachten-Ketten) zeigen, dass die Lackschicht angegriffen wird — das ist kein Echtheits-Test mehr, sondern eine Aussage über die Lackschicht. Bei solchen Stücken die Bohrloch-Innenseite verwenden, wo kein Lack sein dürfte.

Was der Test ZEIGT (im Positivfall): Kopal wird matt, klebrig oder zeigt eine fühlbar weiche Oberflächenschicht. Das ist der wichtigste Unterschied zu Bernstein und der Grund, warum der Aceton-Test trotz seines minimalen Eingriffs zur Standard-Routine gehört: er ist das schnellste Verfahren gegen Kopal-Imitate, gegen die UV- und Statik-Tests alle versagen. Bei Polybern zeigen sich unter der Lupe oft feine Auflöse-Linien an den Pressnähten zwischen den Spänen.

5. Bruchverhalten / Bruchstellen-Test

Was Sie brauchen: eine 10-fach-Lupe (Juwelier-Lupe, ab etwa 8 €), eine starke Lichtquelle. Nicht brauchen Sie einen Hammer — der Test funktioniert ausschließlich an bereits vorhandenen Bruchkanten, Absplitterungen oder Bohrloch-Innenseiten. Aktiv brechen ist Vandalismus am eigenen Stück.

Methode: Eine vorhandene Bruchkante (typisch: Bohrloch-Innenrand alter Perlen, Absplitterung an einer Cabochon-Ecke, altersbedingte Risse) unter der Lupe gegen Licht ansehen. Die Struktur der Bruchfläche analysieren: glatt-glasig oder rau-faserig? Konzentrische Wellen oder Spannungsrisse? Homogen oder mit erkennbaren Korngrenzen?

Was passieren MUSS: Echter Bernstein zeigt einen muschelig-konchoidalen Bruch — wie Glas oder Obsidian. Glatte, glasig schimmernde Bruchflächen mit feinen konzentrischen Wellenmustern, scharfe Kanten, durchgehend homogene Substanz. Manchmal sind Fließspuren erkennbar — winzige Linien aus der Zeit, als das Harz noch flüssig war.

Was passieren KANN: Bei sehr alten oxidierten Außenhäuten kann der äußere Rand bröselig wirken, während die Innenstruktur weiter intakt-konchoidal bleibt. Das ist normaler Alterungsverlauf und kein Hinweis auf Imitat.

Fehlerquellen: Die Lichtführung ist entscheidend — eine zu schwache Lampe lässt jede Bruchfläche matt aussehen. LED-Taschenlampe oder Tageslicht-Lampe im direkten Streiflicht ist ideal. Auch die Lupen-Qualität zählt: Plastik-Lupen aus dem Spielwarenhandel zeigen die feinen Strukturen nicht.

Was der Test ZEIGT: Polybern verrät sich am Bruch besonders gut — die Korn-Struktur der verpressten Späne ist unter der Lupe sichtbar, oft mit kleinen unregelmäßigen Hohlräumen entlang der Pressnähte. Plastik bricht „weicher", mit gefaserten oder rauhen Flächen, ohne den charakteristischen konchoidalen Wellenglanz. Glas bricht zwar ebenfalls konchoidal, ist aber durch Test 3 (keine Statik-Aufladung) und das spürbar höhere Gewicht schon vorher ausgeschlossen.

6. Heißnadel-Test / Reibe-Geruch (destruktiv)

Warnung vorab: Dieser Test hinterlässt einen winzigen Brandfleck. Verwenden Sie ihn ausschließlich an verdeckten Stellen — Bohrloch-Innenkante, Rückseite, ohnehin beschädigte Ecken — oder verzichten Sie ganz darauf. Bei antiken SBM-Ketten, Bückeburger Trachten und Fischland-Stücken ist die Heißnadel tabu: der Sammler-Markt belohnt unversehrte Stücke deutlich höher als „geprüfte" mit Brandflecken.

Was Sie brauchen: eine dünne Nadel oder Stecknadel mit Metallkopf, ein Feuerzeug oder Streichholz, eine feuerfeste Unterlage. Lüftung — der Geruch ist die ganze Information dieses Tests.

Methode: Nadel mit der Zange halten (nicht mit bloßen Fingern!), über der Flamme rot glühen lassen, dann sofort an der vorgewählten Stelle für eine Sekunde aufdrücken. Nicht in das Material hineindrücken, nur kurz antippen. Sofort den entstehenden Geruch wahrnehmen.

Was passieren MUSS: Echter baltischer Bernstein riecht harzig-balsamisch — die unverwechselbare Note von Bernsteinöl, leicht süßlich, an Kiefernharz und Weihrauch erinnernd. Eine kleine weiße Rauchwolke steigt auf, der Eindruck wird braun-schwarz, aber das Material schmilzt nicht weich. Es bleibt zäh-spröde, die Nadel klebt nicht.

Was passieren KANN: Stark autoklavierter Bernstein riecht etwas schwächer-harzig als naturbelassenes Material, weil die flüchtigen Komponenten beim Autoklavieren bereits teilweise ausgetrieben wurden. Das ist kein Hinweis auf Fälschung — autoklavierter Bernstein ist chemisch echt.

Fehlerquellen: Eine nicht heiß genug erhitzte Nadel liefert kein klares Ergebnis — sie muss glühend sein. Die Nase muss frei sein; Sinusitis oder Erkältung machen den Test unzuverlässig.

Was der Test ZEIGT (negative Fälle): Phenolharz riecht stechend-chemisch nach Karbol, an medizinische Praxen vergangener Jahrzehnte erinnernd — unverwechselbar, wenn man den Geruch einmal kennt. Plastik (Polyester, Acryl, Epoxid) schmilzt weich-klebrig an der Nadel und riecht beißend-süßlich nach modernem Kunststoff. Kopal riecht ebenfalls harzig, aber dünner und weniger balsamisch — und schmilzt deutlich leichter als Bernstein, weil er noch nicht voll auspolymerisiert ist.

Verwandte Variante — Reibe-Geruch: Wer sich die Nadel sparen will: kräftig zwei Sekunden mit dem Daumen über eine ungeschliffene Stelle reiben, bis die Reibungswärme spürbar wird, und sofort daran riechen. Bei sehr empfindlichen Nasen genügt das, um die harzige Bernstein-Note wahrzunehmen — bei den meisten Stücken aber zu schwach für eine eindeutige Aussage.

Schnellübersicht

Die sechs Tests im direkten Vergleich.

Welcher Test schließt welches Imitat aus, wie zerstörerisch ist er, und wie hoch ist sein Aussagewert.

TestSchließt ausLässt durchRisiko
1 · SalzwasserPhenolharz, Glas, schwere PlastikenKopal, Polybern, PolystyrolKeines
2 · UV-Licht 365 nmGlas, kaltes Plastik, totes PhenolharzKopal, geschicktes PhenolharzKeines
3 · Statik (Wolltuch)Glas, totes PhenolharzKopal, Polybern, manche AcryleKeines
4 · AcetonKopal, Polystyrol, manche PolyesterPolybern, Phenolharz, AcrylMattstelle, polierbar
5 · BruchverhaltenPolybern (Korn-Struktur), weiches PlastikGut gemachtes Kopal, GlasKeines (vorh. Bruchstelle)
6 · Heißnadel / GeruchPhenolharz, Plastik, KopalPolybern (riecht wie Bernstein)Brandfleck — destruktiv

Warum kein Einzeltest reicht — die Kombinations-Methodik.

Wenn Sie sich nur eine Sache von dieser Seite merken: jeder Heimtest hat eine blinde Stelle. Salzwasser sagt nichts über Kopal. UV sagt wenig über gut gemachtes Phenolharz. Statik sagt nichts über Polybern. Aceton sagt nichts über Phenolharz. Bruchverhalten verlangt eine vorhandene Bruchstelle. Heißnadel ist destruktiv und sagt nichts über Polybern. Erst die Kombination schließt die Lücken.

Die empfohlene Reihenfolge

  1. Salzwasser + UV + Statik — drei zerstörungsfreie Tests in 10 Minuten. Stimmen alle drei, ist die Wahrscheinlichkeit baltischen Bernsteins über 90 %.
  2. Aceton-Test — wenn nach Schritt 1 noch Kopal-Verdacht besteht (typisch bei Stücken, die zu jung-frisch wirken, zu wenig oxidierte Patina haben oder einen leicht klebrigen Eindruck machen).
  3. Bruchverhalten — wenn eine vorhandene Bruchstelle existiert und Polybern-Verdacht besteht (typisch bei modernen, lupenrein gleichmäßigen Massenstücken aus dem Schmuckhandel).
  4. Heißnadel — nur als letztes Mittel und nur an verdeckter Stelle, wenn alle vorherigen Tests widersprüchlich waren.
  5. FTIR-Labor — bei wertvollen Stücken (SBM-Provenienz, Bückeburger Trachten, Kramer/Fischland-Schmuck) oder bei musealem Anspruch. Mehr dazu unten.

Die schwierigsten Fälle: Polybern und Kopal

Polybern (Pressbernstein) ist chemisch echter Bernstein — er besteht Salzwasser, UV, Statik und Heißnadel mit Bravour. Nur das Bruchverhalten und die Aceton-Pressnähte verraten ihn. Kopal ist physikalisch sehr nahe am Bernstein — er besteht Salzwasser, UV und Statik. Nur Aceton und der etwas dünnere Heißnadel-Geruch verraten ihn. Beide Fälle sind der Grund, warum Schritte 4 und 5 nicht „Bonus", sondern Pflicht sind, sobald die ersten drei keine perfekte Bestätigung liefern.

Wann ein Profi-FTIR-Test nötig ist.

Die Heimtests bringen Sie auf 90–95 % Sicherheit. Für die letzten Prozente — und für jedes Stück mit ernsthaftem Marktwert — gibt es nur ein endgültiges Verfahren: die Infrarot-Spektroskopie (FTIR). Sie weist die charakteristische „Baltic Shoulder" zwischen 1260 und 1160 cm⁻¹ nach, ein Absorptionsmuster, das spezifisch für Succinit aus den Ostsee-Lagerstätten ist und in Kopal, dominikanischem Bernstein oder Phenolharz nicht auftritt.

Wann lohnt sich der Aufwand?

Anlaufstellen: die Universität Hamburg (Mineralogisches Museum, Bernstein-Forschungsstelle), das Mineralogische Institut der Universität Münster, das Deutsche Bernsteinmuseum Ribnitz-Damgarten und die BGR Hannover bieten solche Bestimmungen für Sammler an. Die Kosten liegen typischerweise zwischen 80 und 250 € je Probe; benötigt wird eine Materialprobe von etwa 0,5 g, die meist aus einer ohnehin unauffälligen Stelle entnommen werden kann. Mehr zur Frage „wann Labor?" finden Sie auf der Hubseite Bernstein erkennen und unter Der Experte.

Häufige Fehler von Anfängern.

Schnelle Abgrenzung

Bernstein vs. Kopal, Plastik, Glas, Phenolharz.

Was die Heimtests pro Imitat-Familie sagen — die Tabelle, die nicht aus „Bernstein-Sicht" sortiert ist, sondern aus Sicht des Imitats.

MaterialSalzwasserUV 365 nmAcetonHeißnadel-Geruch
Baltischer BernsteinSchwimmtBlau-grün fleckigResistentHarzig-balsamisch
KopalSchwimmtGelblich gleichmäßigLöst sich anDünn-harzig, schmilzt
Polybern / PressbernsteinSchwimmtWie BernsteinPressnähte angegriffenWie Bernstein
Phenolharz / BakelitSinktMatt-grünlich oder totResistentKarbol, stechend
Polyester / Acryl / EpoxidSinkt meistKalt-bläulich oder totSehr variabelSüßlich, klebrig schmelzend
GlasSinktTotResistentRiecht nicht, schmilzt nicht

Eine ausführlichere Behandlung der Imitat-Familien — mit Marktanteilen, Produktionsgeschichte und visuellen Erkennungsmerkmalen — finden Sie auf der Hub-Seite Bernstein erkennen & prüfen. Wer speziell die Abgrenzung zu Kopal vertiefen möchte, findet das dort in einem eigenen Abschnitt — und in unserem Lexikon unter den entsprechenden Stichwörtern.

Drei Tests, die dasselbe sagen, sind mehr wert als sechs Tests, die widersprüchlich ausfallen.
Marcel Querl · baltischer Bernstein seit 2012

Quellen & Weiterführendes.

Die hier beschriebenen Heimtests sind seit dem 19. Jahrhundert in der gemmologischen und mineralogischen Literatur dokumentiert. Wer einzelne Tests methodisch tiefer einsteigen möchte oder die Labor-Hintergründe (FTIR, GC-MS) studieren will:

Konkrete Seitenzahlen und DOIs sind je nach Auflage unterschiedlich — die hier genannten Werke sind in den jeweiligen Verlagskatalogen und in deutschsprachigen Bibliotheken auffindbar.

Verfasst von Marcel Querl

Bernstein-Berater und Sammler seit 2012, Schwerpunkt baltisches Succinit — antike SBM-Stücke, Bückeburger Trachten, Fischland-Schmuck, rissfreier Rohbernstein. Berater für Presse und Museen. Bekannt aus NDR-Nordstory, SPIEGEL TV, WELT, BILD und WirtschaftsWoche. Kein Händler, kein Versand — deutschlandweit per Foto-Service.

Bernstein seit 2012 Bekannt aus dem TV
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