Im späten 19. Jahrhundert war Königsberg das wissenschaftliche Zentrum der Bernstein-Forschung. Drei Namen prägen diese Phase: Otto Helm (Chemie), Richard Klebs (Geologie und Inklusen) und in zweiter Reihe Victor Goldschmidt (Mineralogie, Kristallographie). Während Helm in der Lexikon-Serie schon mit den von ihm benannten Begleitharzen präsent ist (siehe Beckerit, Gedanit, Glessit, Stantienit), gehören Klebs und Goldschmidt zu jener zweiten Generation, die das Bernstein-Wissen systematisch in Sammlungs- und Kompendium-Form brachte.

Richard Klebs: Kurator und Geologe.

Klebs, geboren 1850 in Königsberg, war zunächst Geologe an der Königsberger Universität und wurde 1879 von der Firma Stantien & Becker als wissenschaftlicher Kurator angestellt, um deren wachsende Bernstein-Sammlung (insbesondere die Inklusen-Belege aus dem Palmnicker Tagebau) zu ordnen und auszuwerten. Seine Hauptwerke sind die Gliederung und Fauna der Bernsteinformation Nordostpreußens (1889) und Über Bernstein-Einschlüsse im Allgemeinen und die Coleopteren meiner Bernsteinsammlung (1910).

Klebs gilt bis heute als Pionier der systematischen Inklusen-Forschung. Er war der erste, der die Insekten-Einschlüsse nach modernen entomologischen Kriterien klassifizierte und in einem öffentlichen Schausammlungs-Konzept zeigte. Die Klebs-Sammlung umfasste am Ende seines Lebens über 100.000 Inklusen-Stücke, der größte Teil ging nach 1945 verloren oder zerstreute sich in Museumsbestände in Göttingen, Hamburg und Warschau.

Victor Goldschmidt: Kristalle, nicht Bernstein.

Victor Goldschmidt (1853–1933) war Heidelberger Mineraloge und Verfasser des monumentalen neunbändigen Atlas der Krystallformen (1913–1923). Mit Bernstein im engeren Sinne hat er sich wenig befasst, sein Werk ist eine universale Kristall-Systematik. In der Bernstein-Welt taucht sein Name dennoch häufig auf, weil Sammler ihn mit dem Mineralien-Händler Friedrich Krantz in Bonn (siehe Krantzit) und mit Andree Goldschmidt, einem Königsberger Bernstein-Händler des frühen 20. Jahrhunderts, verwechseln.

Diese Verwechslungs-Tradition hält sich hartnäckig: in der Schmuck-Antiquitäten-Literatur firmiert „Goldschmidt“ oft als Synonym für „bedeutender Bernstein-Forscher des 19. Jahrhunderts“, obwohl die korrekte Zuordnung der wichtigen Arbeit bei Klebs und Helm liegt. Wer im Erbe-Nachlass Bücher mit dem Namen Goldschmidt zum Bernstein findet, sollte den Inhalt prüfen, meist handelt es sich um die allgemeinen Kristall-Atlanten, nicht um Bernstein-Monographien.

Bedeutung für heutige Sammler.

Wenn in einem Sammlungs-Nachlass Inklusen-Stufen mit handschriftlichen Etiketten auftauchen, die mit „Slg. Klebs“ oder „aus Klebs-Sammlung“ beschriftet sind, liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit ein wissenschaftshistorisches Stück vor, Provenienz, nicht Material, ist der Wert. Solche Stücke gehören in Museen oder Hochschul-Sammlungen, weil sie Teil einer historischen Forschungs-Geschichte sind.

Für Marcels Beratungs-Praxis bedeutet das: bei ungewöhnlich gut dokumentierten Erbe-Inklusen mit Etiketten-Zuschreibung im 19./frühen 20.-Jahrhundert-Stil empfiehlt er nicht den Verkauf an Schmuck-Händler, sondern den Kontakt zu spezialisierten Mineralien-Auktionen oder direkt zum Bernsteinmuseum Ribnitz-Damgarten. Der wissenschaftshistorische Markt zahlt für authentische Klebs-Provenienz erheblich mehr als der Schmuck-Markt für dasselbe Stück ohne Etikett.

Quellen & weiterführende Literatur.

  • Klebs, R.: Gliederung und Fauna der Bernsteinformation Nordostpreußens. Königsberg 1889.
  • Klebs, R.: Über Bernstein-Einschlüsse und die Coleopteren meiner Bernsteinsammlung. Königsberg 1910.
  • Goldschmidt, V.: Atlas der Krystallformen. Heidelberg 1913–1923, 9 Bände.
  • Weitschat, W. & Wichard, W.: Atlas der Pflanzen und Tiere im Baltischen Bernstein. Pfeil-Verlag München (ISBN 978-3-89937-009-5).